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Texte von Arn Strohmeyer

Plädoyer Ungleichheit der Menschen
Deutschland eine Bananenrepublik?
Situation derPalaestinenser unter zionistischer Besatzung
Ist Banksy ein Antisemit?
Streit um die Kasseler Documenta
Israel ein Apartheidstaat wie Südafrika?
Streit um die Kasseler Documenta
Rezension - Abraham Melzer-  Ich bin (k)ein Antisemit!
Afghanische Sanndalentraeger besiegten USA
Gemeinsame Werte mit einem Apartheidstaat?
Der Welt droht ein neuer Kalter Krieg
Die Antideutschen
Chefs des Springer-Konzerns Mathias Döpfner
„Apeirogon“ des irischen Autors Colum McCann
Lapid - Imagpflege, neue Einsichten?
„1984“ - israelische Cyber-Software“
BDS -  Hoffnung der Palästinenser“
Das Ende einer Illusion
Kampf gegen Windmühlenflügel
Die grüne Kanzlerkandidatin
Palästina in israelischen Schulbüchern
Die Nakba soll zu Ende gebracht werden
Westliche Propaganda - Aufteilung der Welt in Gut+ Böse
Die Jerusalemer Erklärung - Antwort auf die IHRA
Werder Bremen übernimmt die IHRA-Definition
Joseph Melzer - Ich habe neun Leben gelebt.
Holocaustgedenktag 2021
Inhalt der BDS-Resolution nicht erwähnen
Bücher - Positionen zum israelbezogenen Antisemitismus
Kariere von Sawsan Chebli
Martialisches Erinnern
Das zynische Angebot
Omri Boehms - liberaler und humaner Zionismus!
Omri Bohm - Israel - eine Utopie
Darstellung des Zionismus  für Israels Politik Problem
Zionismus untergräbt Werte des Judentums
Gaza ist Überall!
Israel und das Apartheid-Südafrika
Fall Achille Mbembe kein Einzelfall
Eine deutsche Debatte im Jahr 2020
Achille Mbembe - Eigentor von Felix Klein
Was trägt Israel  zum Judenhass bei?
Antideutsche - Antisemitismus und Nahostkonflikt
Nirit Sommerfeld - Stimme des anderen Israel
Symbol für den Freiheitskampf
Krieg gegen das palästinensische Volk
Treueschwüre für einen Besatzerstaat
Zur Kriegsgefahr im Nahen Osten
Der  ideologische Blick auf Israels Geschichte
Kein Friedensstern über Bethlehem
G. Hanloser - Abgesang auf die Antideutschen
Bundesregierung will Hisbollah verbieten
Jürgen Todenhöfer - Die große Heuchelei
Spiegel - zu Israel-kritischer Positionen kein Wort
Gegenwärtige Hexenjagd auf „Antisemiten“
Hungert sie aus!
Das Beispiel Dr. Dr. Marcus Ermler
Hans-Jürgen Abromeit sagt die Wahrheit
Israel zieht belastende Dokumente aus dem Verkehr
Definiert Israels Regierung was Antisemitismus ist
Der Kushner-Plan -Totgeburt
Israels Politik -  zynisch, autoritär und reaktionär
Bremen verweigert Kritik an Israel
Wahlen ohne Opposition und Alternative…
Man unterscheidet zwischen "guten" und "bösen" Juden
BDS-Aktivisten auf „Krawall“ reduziert
Israel Siedlungen auf dem Mond?
Die Mauer als Symbol des Scheiterns
Wider den Mainstream
Triumph des moralischen Nihilismus
Mythos - Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern
Frieden auf Erden“ –  nicht in Palästina
Zensur der evangelischen Kirche
Lehrer nach Yad Vashem
Evangelische Kirche und Israels Unrechtspolitik
Hysterie bis zur Paranoia
Klassischer Fall von Geschichtsfälschung
Bremer Innensenator Mäurer hat Recht
Die „Israelisierung der Welt“
Trumps "Deal" Verrat an Palästina
Wikipedia ist der Manipulation überführt
Klassischer Fall von Geschichtsfälschung
Juden und Muslime in Auschwitz
Israels Sanktionen - Iran
Zum Tod von Felicia Langer
„WerteInitiative“  - Schlag gegen Bettina Marx
Stopp gegen Antisemitismus-Hysterie
Palästina - Realität wird zum Tabu
Tom Segevs Ben Gurion-Biographie
Deutschland, Israel + der Antisemitismus:
Präsident Abbas‘ missverständliche Rede
Unterstützung Arbeit Antisemitismus-Beauftragten
Die inszenierte Hysterie
Entstehung Israels als Heldenepos
70 Jahre Israel – 70 Jahre Siedlerkolonialismus
Skandalöse Geschichtsklitterung
Heiko Maas  in Israel
Was für ein Staat!
Heiko Maas - Kniefall nach Israel
Meinungsfreiheit für Palästinenser in Bremen
Rolf Verleger - Hundert Jahre Heimat_Land
Israel hat den Frieden nie gewollt.
Weihnachten 2017
Gefängnisstrafen und Sippenhaft
Nimmt der Antisemitismus zu?
Stramm hinter Trump
Hermann Kuhn demonstriert  Nichtwissen
Deutsche Kampfflieger über Israel
„Sie weichen den wirklichen Problemen aus“
Rezension - Abraham Melzer: Die Antisemiten-Macher
Rezension - Abraham Melzer: Mit Feuer und Blut
Die kopernikanische Wende
Martin Schulz Kotau vor der Israel-Lobby
„1984“ auf israelisch
Rückfall in die Vormoderne
Michael Wolffsohn hat sich disqualifiziert
Rezension - M. Peled - Der Sohn des Generals
Analysen des antizionistischen Isaac Deutscher
Film - Der Hass auf Juden in Europa
14. Dokumenta - Ahlam Shibli
Michael Lüders Buch „Die den Sturm ernten“
Jenseits aller Wirklichkeit
„Im Gefängnis, weil  Palästinenser“
Das Lehrbeispiel BDS
DIG Aufruf gegen Kritiker
Broder - BDS + die Endlösung
Zwischen „Lügen- “ und „Lückenpresse“
Frieden auf Erden... nicht im Heiligen Land
Ist Deutschland eine Bananenrepublik?
Hat Jakob Augstein der Mut verlassen?
Israel-Berichterstattung - doppelte Standards
Propaganda-Lügen gegen den Frieden
Antisemitismus – „Missverständnis der Geschichte“?
Wann ist Kritik an Israels antisemitisch
Die Lobby schlägt zu
Geheimsache Heron TP
Claude Lanzmann -  Palästina-Konflikt
Die Israel-Lobby und die HAWK
Ein Humanist?
„Die Hamas ist an allem schuld“
Ein Krieger und Verächter des Völkerrechts
Proteste und Demonstrationen nicht Antisemitisch
Der Streit um Israels „Existenzrecht“
„Journalismus“ á la Benjamin Weinthal
„Methodisch betriebener Wahnsinn“
Dank an Benjamin Weinthal
Albert Einstein muß als Zeuge herhalten
Wenn Weinthal wieder einmal zuschlägt ...
Rezension von  Kurt O. Wyss
Noch mehr Israel-Kritiker geschafft
Interview mit Abdallah Frangi
Benjamin Weinthal verhindert Vortrag Arn Strohmeyer
„Lügenpresse“ oder kritikloser Philosemitismus?
Ein Weihnachtswunsch
Abraham Melzers Buch „Israel vor Gericht“
Rezension - Petra Wild: Die Krise des Zionismus
Gipfel der Absurdität
Daniel Killy diffamierte seinen früheren Arbeitgeber
Rezension - Die Hölle von Gaza - Spiewak
Rote Karte für Israel!
Der Antisemitismus-Vorwurf als Rufmord
Ist Israel ein verrückter Staat?
„Oslo war ein Kapitulationsabkommen“
Rezension - Ilan Pappe -  „Die Idee Israel"
Wenn eine Jüdin den Zionismus kritisiert...
Leseprobe 3 - Antisemitismus – Philosemitismus
Leseprobe 2 - Antisemitismus – Philosemitismus
Leseprobe 1 - Antisemitismus – Philosemitismus
Inhalt - Antisemitismus – Philosemitismus
Buch - Antisemitismus – Philosemitismus
Kontrolle über Israels Atomwaffen?
Rezension - Sven Severin: Shalom ist nicht Frieden.
Werte der USA und Europas Doppelmoral
Antwort auf Uri Avnerys Artikel Die wirkliche Nakba
Rezension - Israel – Im permanenten Kriegszustand
Zwischen Doppelmoral und Lebenslügen
Die Herren über Leben und Tod
Dauerbrenner Antisemitismus
Weglassen, vertuschen und manipulieren
Napoleoni - Die Rückkehr des Kalifats.
Presseboykott gegen  Nakba-Ausstellung Bremen?
Der Streit um die historische Wahrheit
Am besten das Völkerrecht abschaffen.
Anschläge Paris - Stunde der Heuchler
Die Legenden von den vertriebenen Juden
Linkspartei und die Verletzer der Völkerrechte
Für Israel Frieden unmöglich.
Zionismus vor seinem historischen Ende?
Antisemitismus-Gefahr als politische Waffe
Eine genau kalkulierte Kampagne
„Ein Massaker schlimmsten Ausmaßes!“
Dieter Graumann und die westlichen Werte
Willkommener Anlass
Die EU als zahnloser Papiertiger
Antisemiten überall
Uri Avnery relativiert die Nakba
H. Baumgarten - Kampf um Palästina
Ein bedeutender Schritt zur Versöhnung
Bremer Evangelische Kirche -  Frieden Nah Ost
„Warum provoziert Ihr Israel immer so?“
Interview mit  Reuven Moskowitz
Israels große Propagandainszenierung
Unkritische Unterstützung Israels.
Tumulte in der Knesset
Rezension - Israel kontrovers
Ariel Sharons brutale Gewaltpolitik
Neuerscheinung Ilan Pappes Buch?
Ilan Pappe - „Eethnische Säuberung Palästinas
Schweigen der Christen im Nahen Osten
Feldmans Film „The Lab“
Mythos - Vertreibung der Juden
Rezension - Viktoria Waltz -  „Monopoly“
Shlomo Sand - Ich steige aus.
Palästinenser Testpersonen für Rüstungsindustrie
Israel steht unter Verdacht
Rezension - Buch Ekkehart Drost
3. Israelkongress in Berlin
Die Angst vor der Wahrheit
Was kommt nach dem Zionismus?
Führt Obama Israels Krieg?
Haben nur Palästinenser „Blut an den Händen“?
Ein Bantustan-Staat für die Palästinenser?
Zionismus + arabischer Antisemitismus
Ethnische Säuberungen
Juden unerwünscht?
Wenn Israel fällt, fällt auch der Westen!“
Nachruf auf Stéphane Hessel
Streit um Augsteins „Antisemitismus“ geht weiter
Zerstört Israel sich selbst?
Broders taktischer Rückzieher
Solidarität mit Jakob Augstein!
Sollen Patriot-Raketen Israel schützen?
Von der Macht der Denunzianten
Rezension Rudolph Bauer - Wer rettet Israel
Netanjau in Berlin zum völlig falschen Zeitpunkt
Mit der UNO auf Kriegsfuß
Generalangriff auf die Mythen des Zionismus
Gaza - Schweigen die Waffen?
"Sicht der Armee  kein ethisches Problem“
Erwiderung auf Charlotte Knobloch
Atmosphäre der Angst
Keine Chance für die Vernunft?
These vom Mord an Arafat
„Hier wird Israel pauschal diffamiert“
D. Barenboim:„Nur ein Psychiater kann  helfen!“
In Nibelungentreue an Israels Seite?
Merkels abenteuerlicher Kriegskurs
Der Dichter, Israel und die Denkverbote
Genug der Heuchelei! - Günther Grass
Auf Mythen keinen Frieden aufbauen
Brief an Ralph Giordano
Ilan Pappe -  Wissenschaft als Herrschaftsdienst
Nazi-Analogien in Israel
Interview mit Abdallah Frangi
Abdallah Frangi - Der Gesandte
Israeltag 2011 - Bremer Schulen
Ein Akt historischer Gerechtigkeit
Israel-Propaganda an deutschen Schulen ?
„Boykott ist eine absolute Notwendigkeit“
Rezension - Finkelstein „Israels Invasion in Gaza“
Die Partei „Die Linke“ + das Existenzrechts Israels
„Wir wollen die ganze Region befreien“
Ergänzung - Brief Bürgermeister Jens Böhrnsen
Offener Brief - Bürgermeister Jens Böhrnsen
Helmut Schmidt + R. von Weizsäcker Antisemiten?
Sind Boykottaktionen antisemitisch?
Boykott gegen Früchte aus Israel
Stéphane Hessel - Empört Euch!
Todenhöfer - Warum tötest Du, Zaid?
Arabische Aufstände düpieren den Westen + Israel
Verzweifeln an Israel
In der Falle der Stammesideologie
Wer glaubt an Friedensbotschaften
Kotau vor Merkels Nahost-Politik
Wie man Antisemiten produziert
Im Gleichschritt mit Israel?
Was ist Antisemitismus
Gibt es  "neuen" Antisemitismus? - Klug Brian
Was sind "jüdische Gene"? - Thilo Sarrazin
Zionistischer Angriff auf Wikipedia
Moshe Zimmermann: Angst vor Frieden
Verwirrung der Begriffe?
Offener Brief  Weser-Kurier-Artikel - 16. 06. 2010
Iris Hefets gewann Prozess gegen Lala Süsskind
Mordaktion nach Piratenmanier
Israel will keinen Frieden
Solidarität mit Iris Hefets!
Sieg der Spermien und Gebärmütter
Hajo Meyer - Radikale Kritik am Zionismus
Interview mit Norman G. Finkelstein
Gespräch mit Yehuda Shaul
Interview mit Yahav Zohar
Broder - Aufklärung + Untergang
„Israel streut der Welt Sand in die Augen“
„Hitler besiegen“
Interview mit Moshe Zuckermann
Bethlehem 2008
Volk ohne Hoffnung
Brief Präsidium J. G. Bremen
Interview Felicia Langer

 

 

Das Schicksal eines deutschen Juden im 20. Jahrhundert

Die Lebenserinnerungen des Verlegers Joseph Melzer sind ein bewegendes Zeitdokument

Arn Strohmeyer - 8.02.20121

Joseph Melzer
Ich habe neun Leben gelebt.
Ein jüdisches Leben im 20. Jahrhundert

 Frankfurt/Main 2010
ISBN 978-3-86489-306-3  - 24 Euro

So manchem Zeitgenossen, der seit über 70 Jahren in Mitteleuropa unbehelligt im Frieden lebt, fehlt inzwischen schlicht das Vorstellungsvermögen, was Menschen – insbesondere Juden – im 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und dem Holocaust erlebt und durchlitten haben. Um sich das immer wieder bewusst zu machen, hat die Erinnerung eine so wichtige Funktion, damit so etwas wie Auschwitz (als Synonym für Barbarei schlechthin) sich nicht wiederhole, wie Theodor W. Adorno es formuliert hat. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Erinnerungsliteratur hat jetzt der Westend-Verlag mit der Herausgabe der Lebenserinnerungen des deutsch-jüdischen Verlegers Joseph Melzer (1907 – 1984) erbracht.

Wenn der Autor schreibt, er habe neun Leben gelebt (das ist auch der Titel des Buches, mit dem Untertitel Ein jüdisches Leben im 20. Jahrhundert), dann glaubt man ihm das aufs Wort. Im ost-galizischen Schtetl Kuty in eine liberal-jüdische Familie hineingeboren, erlebt er hier noch trotz aller Entbehrungen und Armut eine fast „heile“ jüdische Welt, in der es auch kaum Feindschaft gegen Juden gab. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen zwingen die Familie zum Umzug nach Berlin. Dort erlebt er als junger Mann die „goldenen zwanziger Jahre“, knüpft Kontakte zu jüdischen Intellektuellen und gibt die Zeitschrift Die freie jüdische Monatsschau heraus, die aber nach einem Jahr ihr Erscheinen einstellen musste. Melzer wird Zeuge des Aufstiegs der Nazis in Berlin.

Immer noch auf der Suche nach einer Berufsperspektive (er hatte die Schulbildung vorzeitig abbrechen müssen, war Autodidakt und ein Selfmademan), bewirbt er sich um Verkaufs-Vertretungen für deutsche Bücher in Palästina. Dort lebte er zunächst in einem Kibbuz, eröffnete dann in Tel Aviv einen Buchladen und später mit dem bekannten Autor Ben Chorin in Jerusalem ein Buchantiquariat. Da die Geschäfte aber nicht gut liefen, stieg er aus dem Laden aus und ging – nicht zuletzt auch, weil seine Zweifel am Zionismus wuchsen – zurück nach Berlin. Er erlebt dort 1936 die Olympiade. Da er aber nur ein begrenztes Visum hatte, muss er Deutschland wieder verlassen und reiste über London nach Paris. Hier gelang es ihm durch einen Zufall, an wertvolle alte Bücher zu kommen, und er eröffnete in Paris ein Antiquariat.

Aber auch dies sollte nur ein kurzer Aufenthalt sein. Melzer, der immer noch polnischer Staatsbürger war (Galizien war nach dem Ersten Weltkrieg polnisch geworden), musste nach Warschau reisen, um seinen Pass verlängern zu lassen. Er kommt dort genau zu dem Zeitpunkt 1939 an, als die Hitler-Armee Polen überfiel. Er flieht vor den Deutschen in die Sowjetunion, kommt dort aber nicht in die Freiheit, wie er gehofft hatte, sondern wird als „deutscher Spion“ verhaftet und zur Zwangsarbeit in den sibirischen Gulag geschickt. Nach Monaten schwerster körperlicher Arbeit als Holzfäller in den Wäldern Sibiriens kommt er wieder frei, weil Churchill die polnische Exil-Armee mit Waffen ausrüstete und Stalin deshalb eine Amnestie für polnische Bürger erließ. Melzer konnte sich nach Sarmakand in Usbekistan durchschlagen, wo er sich mühsam mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält. Er heiratet und sein Sohn Abraham kommt dort zur Welt.

Nach Kriegsende konnte er mit seiner Familie zurück nach Deutschland gelangen, er unterbrach die Fahrt aber, um sich in Polen das NS-Vernichtungslager Majdanek anzusehen, was ihm die Schrecken des Holocaust vor Augen führte. Er musste dann mit seiner Familie noch einige Zeit im DP-Lager Admont in der Steiermark verbringen, bis sie nach Israel ausreisen konnten.

In Haifa steigt er wieder in den Buchhandel ein, macht sich wieder mit einem Laden selbstständig. Er arbeitet bis zur Erschöpfung, wird krank, hat Probleme mit dem Klima, dazu kommt, dass seine Zweifel am Zionismus ständig wachsen. Er beschließt, gegen den Willen seiner Frau, die nicht im Land der Täter leben will, zurück nach Deutschland zu gehen. Er schreibt: „Ich habe geglaubt, dass ich mit Deutschland für immer gebrochen habe. Aber ich habe mich wohl getäuscht oder es mir nur eingebildet. Im Inneren meines Herzens sehne ich mich nach Deutschland zurück, nach der deutschen Sprache, nach der deutschen Kultur, von der ich annahm, dass sie nicht vollständig von den Nazis zerstört worden ist, nach der deutschen Landschaft, die ich in meiner Jugend lieben gelernt habe, nach dem deutschen Wetter und dem deutschen Unwetter. Die brennende Sonne in Israel macht mich krank.“

Die Familie lässt sich in Köln nieder. Melzer bekommt eine kleine Summe „Wiedergutmachungsgeld“ für seine verlorene Existenz in Paris, gründet den Joseph-Melzer-Verlag und gibt bedeutende Judaika (etwa die Werke von Ludwig Börne) heraus. Immer am Rand des Konkurses kämpft er sich mit seinem Verlag durch. Dann nimmt er einen jungen Mann in das Unternehmen auf, der dem Verlag mit einem erweiterten Programm neuen Schwung gibt: Jörg Schröder. Die Herausgabe des erotischen Romans Geschichte der O. wird ein Riesenerfolg und bringt viel Geld ein.

Schröder trennt sich dann von Melzer und gründet den März-Verlag – ein „Komplott, das Schröder hinter meinem Rücken geschmiedet“ hat, wie er schreibt. Der Sohn Abraham übernimmt den Melzer-Verlag. Mit der Herausgabe von Comic-Büchern (Prinz Eisenherz) und linken Büchern – es ist die 68er Zeit – versucht dieser den Verlag zu retten. Vergeblich, 1971 muss er Konkurs anmelden. Aber die Melzers bleiben im Buchgeschäft. Abraham (genannt „Abi“) arbeitet erfolgreich für andere Verlage und gründet einen neuen Verlag. Der Vater betreibt ein gut gehendes Antiquariat, das er später verkaufen kann, um sich zur Ruhe zu setzen.

Ein sehr bewegtes Verleger-Leben also, das allein durch seine Schicksalhaftigkeit und wechselvolle Buntheit ein Stück deutsch-jüdischer Kulturgeschichte darstellt. Melzer hat bedeutende Bücher aus diesem Themenbereich herausgebracht und so gut wie alle bedeutenden jüdischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts persönlich gekannt. Das allein macht diese Erinnerungen schon überaus spannend und reizvoll.

Was sie als Zeitdokument auch politisch so wertvoll machen, ist der innere Entwicklungsprozess Joseph Melzers. Einem humanen Judentum in seiner Identität zutiefst verpflichtet und anfänglich auch – aus der Not heraus – für den Zionismus aufgeschlossen, weil er für die Juden keine andere Ausweichmöglichkeit als Palästina sah, geht er im Laufe der Jahre und mit der Erfahrung von zwei längeren Aufenthalten in Israel immer mehr auf Distanz zur Politik dieses Staates und zu seiner Ideologie. So lebt Melzer in einem ständigen Spannungsverhältnis: Vom Staat Israel, den er eigentlich liebt, entfernt er sich innerlich zunehmend, weil er einmal die Widersprüche dieses angeblich „sozialistischen Staates“ erkannte und verabscheute; zum anderen sah er täglich die Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen, die die Zionisten den einheimischen Arabern antaten. Außerdem musste er mit dem Zwiespalt leben, den er gegenüber Deutschland spürte, das er auf der einen Seite auch liebte und als seine eigentliche Heimat betrachtete, dem er aber andererseits als dem Land der Täter mit Misstrauen begegnen musste.

Seine Urteile über den „jüdischen Staat“ werden immer unerbittlicher: „Der Kampf der Juden um den Staat Israel nahm also unmerklich die Form einer imperialistischen Politik an. Am Ende, es bedurfte dazu noch knapp zehn Jahre der Entwicklung, ist es dazu auch gekommen, genau wie [der Palästinenser] Ragib al Naschaschibi es [ihm] vorhergesagt hatte. Den Juden gelang es, die ursprüngliche palästinensische Bevölkerung zu vertreiben und einen eigenen – jüdischen Staat – zu errichten. Damit glichen nun die Juden allen anderen imperialistischen und kolonialistischen Völkern, die in die Welt auszogen, um Land und Bodenschätze zu gewinnen. Aber nicht nur politisch glichen sich die Juden in Israel den übrigen ‚Kulturvölkern‘ an. Das Volk des Buches verwandelte sich zeitgemäß in ein Volk der Technokraten und Soldaten und reproduzierte all die Fehler und Sünden der Kolonisten. Damit war es den Juden tatsächlich gelungen, so zu werden wie die anderen Völker.“

Joseph Melzer schildert hier mit großer Eindringlichkeit den Konflikt, den das Judentum im 20. Jahrhundert durch das Aufkommen des Zionismus und die Gründung des Staates Israel bis an den Rand der Spaltung bringt: der Konflikt zwischen nationalistischen Partikularisten (Zionisten) und den an der Aufklärung, den Menschenrechten und dem Völkerrecht sich orientierenden Universalisten. Er bringt das auf die Formel: „Das Ziel der Zionisten war es augenscheinlich, dem Judentum den Universalismus auszutreiben – der, wie Hermann Cohen [deutsch-jüdischer Philosoph] meinte, aus der messianischen Mission des Judentums stammt. Das Judentum, sollte auf einen Stammesglauben reduziert werden.“

An anderer Stelle schreibt er: „Der Zionismus, der oft mit dem Judentum verwechselt wird, versucht mit europäischem Nationalismus ein Judentum zu formen, das keines mehr ist, weil es nicht mehr den Messias erwartet und nicht Gottes Sinnesänderung, die nach dem Glauben der jüdischen Orthodoxie kommen muss und kommen wird. Zwischen dieser Orthodoxie und dem Zionismus, der am Schabbat Straßen baut und am Jom Kippur Kriege führt, kann es keine Versöhnung geben.

Joseph Melzer hat die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts erlebt und zum Teil buchstäblich am eigenen Leibe erlitten. Dazu hat er die Widersprüche und Spaltungen des Judentums nicht nur als Zeitzeuge beobachten können, er hat sie – oft unter großen Leiden und Entbehrungen – in sich selbst ausgetragen. Er schreibt am Ende seiner Erinnerungen, sein Leben sei „ein gewöhnliches jüdisches Schicksal“ gewesen. Aber das nimmt man ihm nicht ab. Gerade die Außergewöhnlichkeit seines Schicksals macht seine Lebenserinnerungen so überaus lesenswert.

 

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