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91054 Erlangen
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Interview
mit Dr. Mahmoud Yazbak aus Nazareth, Professor
der Geschichte an der Universität Haifa
© Dr. Sabine Schiffer -
Interview,
1.04.2009
An Tagen
wie diesen werde ich pessimistisch
Schiffer:
Dr. Yazbak, Sie waren kürzlich in der Akademie
Hofgeismar in Deutschland. Was waren Ihre
Eindrücke und welche Visionen für die Zukunft in
Israel haben Sie?
Yazbak:
Es ist wie bei der Börse – manchmal geht es
rauf, manchmal geht es runter. Aber die
Menschen, die nach Hofgeismar kamen,
beeindruckten mich – sie investieren Zeit und
Geld, um etwas über die Probleme anderer zu
lernen.
Als ich heute im
Bus die Zeitung las, war ich mit einer neuen
Regierung konfrontiert. Du siehst die Bilder von
Personen, die du kennst und du weißt, sie werden
deine Zukunft bestimmen. In einem Tag wie diesem
muss ich wirklich pessimistisch werden.
Der neue
Außenminister Lieberman wollte einmal Ägypten
bombardieren, ein anderes Mal den ganzen Nahen
Osten. Jeden Tag rufen seine Unterstützer immer
und immer wieder „Tod den Arabern“ – auch wenn
sie gar nicht die Möglichkeit dazu haben,
wiederholen sie es die ganze Zeit, wie Cato.
Durch stetige Wiederholung könnte solch eine
Idee Wirklichkeit werden.
Schiffer:
Bemerken Sie eine Auswirkung solcher Ideen auf
Ihr alltägliches Leben?
Yazbak:
Ich komme aus Nazareth. Vor 2 oder 3 Monaten gab
es in der israelischen Zeitung Ha’aretz einen
Bericht über Rassismus in Israel: Das obere
Nazareth ist eine jüdische Siedlung, die 1953
auf konfisziertem Land gebaut wurde. Nach jedem
Besuch von Lieberman kommen jüdische Jugendliche
den Berg herunter und attackieren physisch junge
Araber. Wenn die jungen Siedler nicht sofort
wissen, wer Araber ist, fragen sie, woher man
kommt. Wer nicht aus dem oberen Nazareth stammt,
kann nicht jüdisch sein. Dann werden sie
angegriffen, nur weil sie Araber sind.
Schiffer:
Was kann man tun?
Yazbak:
Ich weiß es nicht… Das Problem ist, dass es in
Israel zwar Gruppen gibt, die daran interessiert
sind, aufzuklären, zu unterrichten und
weiterzubilden. Doch diese Bewegungen sind sehr
klein und somit leider total uneffektiv. Alle
jene, die von einem gemeinsamen Leben und
Miteinander der Araber und Juden und von Frieden
im Nahen Osten sprechen, werden als linksextrem
abgestempelt. Und wer in Israel als linksextrem
gilt, kann nichts verändern. Man könnte genauso
gut zu einer Wand sprechen.
Von Wahl zu Wahl
wird der rechte Flügel in Israel stärker. Und es
ist offensichtlich, warum. Die führenden
Politiker Israels – die meisten von ihnen –
lenken die Gesellschaft in Richtung Radikalität.
Ziel ist es zu zeigen, dass es einen Feind gibt
– einen Feind, mit dem man nicht in Frieden
leben kann.
Schiffer:
Was wollen die? Nehmen sie eine Eskalation der
Situation bewusst in Kauf? Was meinen Sie?
Yazbak:
Deren Ziel ist für mich sehr klar: Die
jüdisch-israelische Bevölkerung soll Angst vor
den Menschen haben, von denen sie umkreist sind.
Wenn man sie Kadima - die größte Partei in
Israel – und den Likud und die Lieberman-Partei
(„Yisrael Beitenu“) anschaut… und die religiösen
Parteien noch mit eingeschließt… Alle zusammen
haben mehr als 90 Sitze in der Knesset. Und
deren Idee ist „Du bist umzingelt von Feinden,
du musst vorsichtig sein und als Gruppe vereint
sein, und du kannst es dir nicht leisten, mit
den Anderen über Frieden zu sprechen“. Dies ist
der Widerspruch, in dem diese Gesellschaft hier
lebt.
In Israel gibt es
zwei verschiedene Stimmen! Eine Stimme hört man
im Inneren Israels, sie ist in allen Zeitungen
zu lesen. Die andere Stimme wird in die
Außenwelt gesendet, für Amerikaner und Europäer.
Wenn zum Beispiel Netanyahu, der neue
Premierminister, in Europa ist, spricht er über
Frieden. Doch wenn er in Israel ist, redet er
dem Volk ein, Angst zu haben. Dies ist der
doppelte Maßstab! Er verwirrt die ganze Welt.
Schiffer:
Auf lange Sicht ist das keine Lösung. Stellen
Sie sich vor, die Unterstützung Israels würde
aufgrund der Wirtschaftskrise zurückgehen. Diese
Unterstützung war ein wichtiger Faktor, mit
allen Nachbarn im Kampf (und überlegen) zu sein.
Glauben Sie, dass der vermeintliche Erfolg zu
einem Missverständnis geführt hat?
Yazbak:
Ja, denn sie wissen, dass auf diese Art und
Weise kein Frieden erreicht werden kann. Am Ende
sind sie keine wirklich starken Führer. Es gab
einmal starke Anführer, die wirklich große
Feinde für die Palästinenser darstellten. Zum
Beispiel Ariel Sharon oder Yitzhak Rabin. Die
ganze Zeit befassten sie sich nicht mit der
Friedensschließung mit den Palästinensern. Ihr
Ziel war es, Israel stark zu machen. Doch dann
begannen sie zu realisieren, dass dies nicht bis
in die Ewigkeit funktionieren kann. Also
veränderten sie sich… jedoch erst als sie alt
waren. Aber diese beiden Führer waren stark
genug, die israelische Gesellschaft dazu zu
bewegen, sich ihnen anzuschließen.
Wenn man sich nun
zum Beispiel Olmert anschaut, sieht man wie er
in den letzten drei Jahren zwar von Frieden
sprach – gleichzeitig wurden aber mehr als
10.000 Häuser in den Siedlungen im
Westjordanland gebaut. Wir Israelis haben keine
Anführer, die bereit sind, den Preis für den
Frieden jetzt zu zahlen. Der Preis ist sehr
hoch. Er würde bedeuten, dass die Errichtung
eines palästinensischen Staates neu organisiert
werden müsste. Wenn die israelische Führung
dafür nicht bereit ist, wird auch die
Gesellschaft nicht dafür bereit sein. Es hängt
wirklich vom Führer ab.
Schiffer:
Denken Sie, es gibt noch immer Zeit einen
unabhängigen palästinensischen Staat zu gründen?
Yazbak:
Das ist ein großes Problem – die Chancen sind
geringer als in früheren Zeiten. Denn wenn man
jetzt das Westjordanland besucht, sieht man die
immense Ausbreitung der Siedlungen, überall (z.B.:
Ma’ale Adumim). Es ist eher möglich einen
vereinigten Staat zu haben, als zwei
unabhängige. Doch die Frage muss von der
israelischen Gesellschaft selbst beantwortet
werden
Falls wir keinen
palästinensischen Staat neben Israel schaffen,
dann muss eine wichtige Frage behandelt werden:
Wird die Besatzung oder die Apartheid
weitergehen? Ich glaube nicht, dass alle
Israelis das akzeptieren würden.
Schiffer:
Was würden Sie als arabischer Israeli
bevorzugen?
Yazbak:
Ich würde einen palästinensischen Staat neben
einem Israelischen bevorzugen.
Schiffer:
Würden Sie dort hinziehen?
Yazbak:
Nein, nein, dass ist nicht was ich möchte. Wenn
es einen palästinensischen Staat neben Israel
gibt, würde dies nicht bedeuten, dass jeder
Palästinenser von der ganzen Welt dort leben
müsste. Für uns Palästinenser, die in Israel
leben, ist dies hier unser Heimatboden. Viele
wurden an demselben Ort noch vor der
Staatsgründung Israels geboren und leben seitdem
hier. Das ist das Erste.
Israel wurde auf
unserem ehemaligen Land gegründet. Wir wollen
nicht wegziehen. Wir sind und werden weiterhin
Palästinenser sein – aufgrund unserer Kultur und
Nationalität. Der einzige Unterschied für
diejenigen, die im heutigen Israel leben, ist,
dass wir einen israelischen Pass haben. Wenn man
sich die letzten 60 Jahre palästinensischen
Lebens in Israel anschaut, wird man merken, dass
die Menschen es geregelt bekommen haben. Obwohl
es hier und da Erschwernisse gab… Wenn man sich
das Gesamtbild anschaut, war es in Teilen eine
Erfolgsstory. Und wenn wir eines Tages einen
wirklichen Frieden in der Region haben – das
heißt Frieden mit allen arabischen Länder und
einem palästinensischen Staat – dann denke ich
wäre das Leben für jeden einfacher, auch in
Israel selber.
Schiffer:
Würde dann nicht dieses Säuberungskonzept von
Lieberman & Co. eintreten, was bedeuten würde,
dass alle Palästinenser in dem palästinensischen
Staat leben sollen?
Yazbak:
Dies findet man in manchen israelischen
Parteien, doch ich sehe, dass unter allen
Palästinensern noch nicht mal ein Einzelner
bereit wäre, sein Zuhause zu verlassen. Jeder
weiß: Wer seine Heimat verlässt, wird an einem
schlechteren Ort leben. Diese Erfahrung haben
die Palästinenser 1948 gemacht. Bis heute sind
die meisten von ihnen Flüchtlinge. Wenn also so
etwas nochmal passieren würde und die Welt es
akzeptiert, wäre das wirklich eine neue
Tragödie, die vielen Menschen ihr Leben kosten
würde. Ich bin nicht bereit darüber
nachzudenken, erneut Flüchtling zu werden.
Lieberman und andere möchten die Errichtung
eines rein jüdischen Staates Israel: Aber die
Idee der Reinheit eines Volkes hat mit dem
Zerfall des Naziregimes ein Ende gefunden.
Schluss.
Schiffer:
Welche Rolle haben die Russen in diesem Kontext?
Ich sah gestern in Haifa eine
Einwanderungsbehörde.
Yazbak:
Die meisten Russen haben den rechten Flügel
gewählt. Ich weiß nicht warum, ich könnte nicht
wirklich behaupten, dass Russen rassistischer
als andere seien. Seitdem sie neue Einwanderer
sind, tendieren sie dazu, sich in einer
abgegrenzten Gruppe zu sammeln. Wenn man Teil
einer breiten Gesellschaft ist, sich jedoch
ungleich behandelt fühlt, rächt man sich
normalerweise an den noch Schwächeren. Schauen
wir uns die israelische Gesellschaft als ein
Ganzes an: Die ursprünglichen Israelis bilden
die stärkste Gruppe. Dann kommen die Auswanderer
– also Russen und später Äthiopier. Nach all
denen kommen die Araber. Wenn die Russen zeigen
wollen, dass sie echte Israelis sind, müssen sie
sich über die Araber stellen.
Dasselbe gilt für
die orientalischen Juden, als diese von den
arabischen Ländern hierher einwanderten. Sie
sprachen Arabisch, doch plötzlich wurden sie
diejenigen, die die Araber am meisten hasste –
auchweil sie ihre Solidarität mit Israel
demonstrieren wollten, um nicht als Verräter
bezeichnet zu werden. Sami Smouha, ein
irakischer Jude, schrieb über dieses Phänomen
einige Berichte, er ist auch Professor an der
Universität Haifa. Dies ist wirklich
vergleichbar mit dem, was mit den Russen
geschah.
Schiffer:
Sie meinen, dass die Russen sie als minderwertig
behandeln, doch Sie versuchen sie zu verstehen?
Yazbak:
Ich hatte zwei Studenten, die am Anfang in
meinen Kurs kamen und skeptisch waren. Nach
einigen Sitzungen kam einer der beiden zu mir
und sagte: „Ich möchte ehrlich sein – I nahm
nicht an diesem Kurs teil, weil ich mich für das
Thema interessierte, sondern weil es in meinen
Stundenplan passte. Ich hatte Angst und
erwartete, dass Sie rassistisch gegenüber Russen
wären. Doch ich fand heraus, dass Sie an dieser
Universität die einzige Person sind, die mich
respektiert. Mir tut es Leid, dass ich so von
Ihnen dachte“.
Das machte mich
nachdenklich… Man kennt die andere Seite nicht,
man hat keine Beziehung zu ihr. Deswegen denkt
man, dass durch Medien entstandene Stereotypen
Wirklichkeit sind – einfach nur weil die
zwischenmenschliche Interaktion fehlt.
Schiffer:
Lassen Sie uns
zurück zur Ein- oder Zweistaatenlösung kommen.
Gab es nicht auch die Idee, das Westjordanland
mit Jordanien und den Gazastreifen mit Ägypten
zu verbinden?
Yazbak:
Das ist Liebermans Idee. Dieses Denken ist
verrückt. Vielleicht werden die Anderen
verstehen was Lieberman plant, wenn er als
Außenminister nach England, Deutschland oder zu
Obama reisen wird und ihnen erzählt, dass die
einzige Lösung des Nahost-Konflikts die
Vertreibung der Palästinenser nach Jordanien
oder Ägypten und die israelischen Palästinenser
in den Libanon oder das Meer wäre. Vielleicht
versteht dann die Welt, was in dieser Region vor
sich geht. Dann würde auch viel mehr Zeit in
eine Problemlösung investiert werden und Druck
auf die israelische Regierung ausgeübt werden.
Denn andernfalls wird sich hier nichts bewegen.
Heute zieht die neue Regierung in die Knesset
ein – es ist ein deprimierender Tag. Man hat
keine Vision oder Hoffnung, über die gesprochen
werden könnte. Das Bild ist sehr düster.
Schiffer:
Wie sehen die Chancen auf Versöhnung aus, falls
Zeiten des wahren Friedens einkehren?
Yazbak:
Es gibt ein Projekt, dass sich „Geschichte und
Aussöhnung“ nennt. Thema ist die Geschichte
Haifas im Jahre 1948. Wir haben zwei
verschiedene Erzählweisen/Narrative – die
zionistische und die palästinensische. Mit einer
Bekannten Freund von mir, die als Professor an
der Hebräischen Universität tätig ist, entstand
diese Projektidee. Dafür luden wir 16
Wissenschaftler ein, gemeinsame Geschichte von
1948 zu schreiben.
Wenn wir in der
Zukunft zu einem wirklichen Frieden kommen
wollen, muss es eine Aussöhnung geben. Ein Teil
dieser Versöhnung muss sich mit der
Vergangenheit befassen. Wir haben uns für Haifa
entschieden, da dort bis 1948 50% Juden und 50%
Araber lebten – jeweils 70.000. Dann wurden die
Araber jedoch aus der Stadt vertrieben. Darüber
gibt es sehr viele Geschichten. Nun stellt sich
die Frage: Können wir die Geschichte der Stadt
gemeinsam niederschreiben? Unser erstes Treffen
fand in Salzburg statt und wir werden uns sooft
treffen, bis wir ein Buch fertig gestellt haben.
Dies könnte ein erster Schritt in Richtung
Aussöhnung sein. Letztendlich muss ich Hoffnung
haben - auch wenn alles düster scheint.
Andernfalls hätte das Leben keinen Sinn mehr.
Schiffer:
Vielen Dank für das Interview! Lassen Sie mich
die Hoffnung mit Ihnen teilen.
Dr. Mahmoud Yazbak
arbeitet des Weiteren aktiv bei „Adalah - the
Legal Center of Arab Minority Rights in Israel“.
Die Organisation besteht aus Anwälten und
Aktivisten, die sich für die Rechte der
palästinensischen Bürger als Minderheit in
Israeleinsetzen. Sie kämpfen gegen die
Konfiszierung von palästinensischem Land, gegen
die Entlassung arabischer Arbeiter und für
unabhängige Untersuchungen der Bedingungen
palästinensischen Lebens in Israel oder den
besetzten Gebieten. www.adalah.org/eng/
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