Kommentar des
Monats Mai 2010
von Evelyn
Hecht-Galinski,
Publizistin
Rede auf den 8.
Europäischer
Palästinenserkongress
in Berlin Unsere
Heimkehr ist gewiss.
- Freiheit für
unsere Gefangenen
Grußwort
Tempodrom Berlin -
8.
Mai 2010
Salam Aleikum,
sehr geehrte, liebe
palästinensische
Freunde und
Freundinnen,
Ich betrachte es als
eine große Ehre,
dass ich als
deutsche Jüdin hier
bei Ihnen auf dem 8.
Europäischen
Palästinenserkongress
in Berlin sprechen
darf. Das heutige
geschichtsträchtige
Datum des 8. Mai,
des Tages der
Befreiung vom
Faschismus und der
Nazi-Diktatur vor 65
Jahren, sollte dem
Staat Israel und
allen Verfolgten,
die selbst so
Schreckliches erlebt
haben, Mahnung sein,
nie wieder Unrecht
und Unterdrückung zu
dulden oder selbst
auszuüben.
62
Jahre Vertreibung
und ethnische
Säuberung sind
genug! 43 Jahre
Besetzung und
Unterdrückung sind
genug!
Schlimmerweise ist
es für Israel nie
genug. Am 13. April
trat die neueste
Perversion des
„Jüdischen Staates“
in Kraft: Ein
Militärerlass, der
den Boden für
Massendeportationen
aus der Westbank
bereitet. Diese
Verordnung ist ein
klarer Verstoß gegen
Artikel 49 der
Vierten Genfer
Konvention. Dieser
Erlass ist
ungesetzlich und
verstößt gegen
internationales
Recht, da
israelische Gesetze
im Westjordanland –
also auf besetztem
Gebiet – nicht
anzuwenden sind.
Diese Anordnung
beweist nur ein
weiteres Mal die
Macht und die
Willkür der
israelischen Armee,
gegen unliebsame
Palästinenser
vorzugehen.
Ich fordere Sie,
Frau Bundeskanzlerin
Merkel, daher auf,
gegen diese
Besatzerwillkür zu
protestieren und
sich bei der
israelischen
Regierung dafür
einzusetzen, dass
diese unrechtmäßigen
Verordnungen
zurückgenommen
werden. Außerdem
fordere ich Sie,
Frau Bundeskanzlerin
Merkel, auf, den
Begriff der
Sicherheit Israels
als Staaträson für
die deutsche Politik
rückgängig zu
machen. Dieser
Begriff stützt sich
nicht auf eine
demokratische
Legitimität. Nein -
ganz im Gegenteil -,
das verstößt gegen
unser Grundgesetz
und gegen allen
politischen Anstand,
die Sicherheit
Israels zur
deutschen
Staatsräson zu
erklären.
Genau diese
Feststellung führt
uns auch zur
Problematik der
Beziehungen zwischen
Deutschland und
Israel.
Das unbeschreibliche
Unrecht, das von
Deutschen
organisiert, an den
europäischen Juden/
Jüdinnen begangen
wurde, darf nicht
dafür herhalten,
dass anderen
Menschen und Völkern
Unrecht angetan
wird.
Unsere ganze
moralische
Herausforderung
besteht einerseits
darin, der
Verantwortung
gerecht zu werden,
die Lehren aus den
Verbrechen des
Dritten Reiches zu
ziehen, es aber
andererseits nicht
zuzulassen, dass
aufgrund dieses
schrecklichen
Vermächtnisses uns
(Deutschen) das
Recht abgesprochen
werden soll,
aktuelle Verbrechen
anzuprangern - und
das nur, weil diese
von einem Staat
begangen werden, der
sich selbst als
jüdisch bezeichnet.
Sich dieser Wahrheit
zu stellen, ist die
würdigste Form der
Holocaust-Erinnerung.
Daher möchte ich
betonen: Nicht das
palästinensische
Volk ist schuld am
Holocaust, also der
Ermordung der
europäischen Juden.
Sie aber, die
Tausende, die hier
stellvertretend für
viele Millionen
palästinensische
Flüchtlinge
versammelt sind, sie
sind die
unschuldigen
Leidtragenden dieser
israelischen
Unrechtspolitik, des
Landraubes und der
Besatzung.
Solange Israel nicht
bereit ist, die
palästinensischen
Bürger und
Bürgerinnen als
gleichwertig
anzuerkennen und das
palästinensische
Volk weiter
entmenschlicht und
unterdrückt, wird es
nie Frieden und ein
friedliches
Zusammenleben geben.
Sogar das
öffentliche Gedenken
an die Nakba soll
ihnen nach Willen
der israelischen
Regierung genommen
werden. Man arbeitet
an einem Gesetz,
dieses Gedenken
unter Strafe zu
stellen.
Nach dem Willen der
israelischen
Regierung soll ihnen
der unverhandelbare
Ostteil von
Jerusalem – seit
1967 unrechtmäßig
von Israel besetzt -
für einen
zukünftigen
Palästinenserstaat
als Hauptstadt
genommen werden. Die
israelische
Regierung will ihnen
auch den Anspruch
des Rückkehrrechts
vorenthalten, der
ihnen
völkerrechtlich
zusteht.
So bewahren viele
palästinensische
Vertriebene noch
heute ihre
Hausschlüssel auf
und geben sie an
ihre Kinder und
Kindeskinder weiter
im Bewusstsein: Wir
kommen zurück!
Israel hat den
Schlüssel für das
größte
Freiluftgefängnis
der Welt – nämlich
Gaza – ins Meer
geworfen. Der
schleichende Genozid
an 1,5 Millionen
eingeschlossenen
Palästinensern
schreitet
unaufhörlich voran.
Auch die Blockade
nach dem
schrecklichen
Angriff auf Gaza mit
von Israel über
1.400 ermordeten
Palästinensern geht
weiter. Die
Verantwortlichen für
diesen Angriff,
gehören eindeutig
vor das Haager
Kriegstribunal.
Nicht umsonst
bekämpft Israel den
Goldstone Report so
vehement, der diese
Kriegsverbrechen
dokumentiert. Der
Jurist Goldstone
wurde daher von
offizieller
israelischer und
jüdischer Seite
verleumdet,
angegriffen und
bekämpft.
Ich möchte Ihnen
auch meine
Solidarität mit den
etwa 10.000
Palästinensern in
israelischer Haft
aussprechen – unter
ihnen Frauen, Kinder
und die führende
politische
Intelligenz. Schon
meine Freundin und
mein Vorbild, die
große
Menschenrechtsanwältin,
Felicia Langer,
schilderte mir die
unmenschlichen
Folterungen und
Haftbedingungen,
unter denen ihre
palästinensischen
Mandanten und andere
Häftlinge in
israelischen
Gefängnissen zu
leiden hatten.
Dieser Einsatz
Felicia Langers für
die Menschenrechte
wurde mit der
Verleihung des
Bundesverdienstkreuzes
von Bundespräsident
Köhler gewürdigt.
Ich betrachte das
auch als einen
kleinen Erfolg, für
uns alle.
Nochmals: Frau
Bundeskanzlerin
Merkel, ich ersuche
Sie: Pochen Sie auch
bei Israel auf die
Einhaltung der
Menschenrechte und
auf die
Verwirklichung der
4. Genfer
Konvention, der wir
verpflichtet sind.
Wo bleibt Ihr
demokratisches
Bewusstsein als
ehemalige Bürgerin
eines totalitären
Unrechtsstaates,wenn Israel
die Rechte des
Palästinensischen
Volkes mit Füßen
tritt und negiert?
Für mich als
geborene Berlinerin
ist es ein ganz
besonderes Gefühl,
heute am 8. Mai, dem
Tag der Befreiung
und dem Ende der
Nazi-Herrschaft,
auch des Mauerfalls
vor 20 Jahren zu
gedenken. Ich weiß
als Berlinerin,
wovon ich spreche,
wenn ich an die
Berliner Mauer
erinnere. So frage
ich uns alle:
Wann werden wir den
Tag erleben, dass
die israelische
Apartheidmauer - die
tief durch geraubtes
und besetztes
palästinensisches
Land führt und die
auf diesem
unrechtmäßig vom
„Jüdischen Staat“
errichtet wurde - so
fällt wie die
Berliner Mauer? Wann
werden die
schikanösen Check
Points fallen? Wann
werden Sie – die
Palästinenser – Ihre
Familien wieder frei
und grenzenlos
besuchen können?
Das wird nur möglich
werden, wenn der
amerikanische Druck
so groß auf Israel
wird, wie damals der
russische auf die
DDR. Herr Netanjahu,
reißen Sie die Mauer
nieder!
Liebe
palästinensische
Freunde und
Freundinnen: Ich
hoffe für Sie alle,
die es denn möchten,
dass Ihnen nach dem
Motto Ihres
Kongresses das Ihnen
zustehende
Rückkehrrecht nach
Israel/ Palästina
ermöglicht wird und
für Sie damit ein
friedliches und
demokratisches
Zusammenleben wahr
wird.
Das
Rückkehrrecht, wie
es Israel allen
Juden anbietet, ist
für mich eine Farce.
Ich frage sie,
weshalb soll ich als
in Deutschland
geborene Jüdin denn
zurückkehren? Aber
das Rückkehrrecht
für Sie, die
Vertriebenen und
Flüchtlinge der
Nakba, ist die
Rückkehr Teil des
Völkerrechts.
Aus diesem Grunde
spreche ich auch
explizit die
deutsche
Bundeskanzlerin an:
Beherzigen Sie die
Aussage: Recht auf
Heimat ist
Menschrecht.
Lassen Sie mich zum
Schluss betonen: Ich
bin für einen
demokratischen Staat
Israel in den
Grenzen von 1967
laut UNO-Beschluss
242. Frieden wäre
sofort möglich, wenn
Israel sich an die
internationalen
Resolutionen halten
würde, das Recht auf
Rückkehr für die
Palästinenser
erfüllt und
Jerusalem als
Hauptstadt für zwei
souveräne Staaten,
nämlich Israel und
Palästina anerkennt.
43 Jahre Besatzung
und Unterdrückung
müssen sofort
beendet werden!
Lassen sie uns die
Hoffnung auf
Gerechtigkeit für
Palästina und das
palästinensische
Volk nicht aufgeben!
Nur zusammen
sind Sie stark!
Evelyn
Hecht-Galinski -
8.5.2010
(Es gilt das
gesprochene Wort)
Ein Grußwort von
Marwan Al
Barguthi wurde
von seiner Frau
Fadwa Al
Barguthi verlesen
Ausschnitt - Die
Rede von Frau
Evelyn
Hecht-Galinski
mit arabischer
Übersetzung