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Kommentar zu "Ohne Wenn und Aber für Israel?" von Prof. Dr. Kenneth Lewan
"Fischers einseitige Nahost-Politik"
 (in: "Aula", Graz, 08/2005)
von Anis Hamadeh

In seiner Analyse des Verhaltens des deutschen Außenministers gegenüber dem Staat Israel resümiert Prof. Lewan: "Fischers Israel-Schwärmerei übertrifft bei weitem die Stellungnahmen der bisherigen deutschen Außenminister, aber keine Partei im Bundestag hat ihn zurechtgewiesen. Deutschland ist nach den USA an zweiter Stelle unter den Staaten, die Israel mit Waffen, Geld und diplomatischer Rückendeckung unterstützen. Die führenden Kreise in Politik und Medien in Deutschland geben nie zu, dass dies zu den Ursachen der erbärmlichen Lage der Palästinenser geführt hat."

Es gibt Tausende von Networkern in Deutschland, die seit langem mit diesen Tatsachen vertraut sind. Welche Konsequenzen aber soll man daraus ziehen? Man kann Briefe an Herrn Fischer und seine Umgebung schreiben und ihn fragen, ob er seine Politik nicht doch lieber auf der Basis des geschriebenen Rechts vertreten möchte. Man kann Briefe an die Medien schreiben und Dinge zurechtrücken. Fehlende Informationen ergänzen über die mehr als fünf Millionen palästinensischen Flüchtlinge, über die Land stehlende Mauer, über Segregationspolitik und über Extremismus. Man kann durch satirische Mittel die Kernpunkte der Situation freilegen (z.B. so: www.anis-online.de/pages/_text2/0549_fakedinterview2deutsch.htm). Sich für Verständigung einsetzen und Gespräche führen. All dies geschieht regelmäßig, es hat aber nichts Wesentliches verbessert. Im Gegenteil, Beobachter bemerken eine Verschlechterung der Lage. Daran ändert auch der Gaza-Abzug nichts.

Wenn die Argumentation auf der Basis des verbrieften Rechts nicht zur Herstellung selbigen Rechts führen kann, dann hat das demokratische System, hat die Demokratie versagt. Das von Kenneth Lewan beschriebene Problem zeigt also weit mehr als die mangelnde Integrität des amtierenden deutschen Außenministers. "Keine Partei im Bundestag hat ihn zurechtgewiesen", schreibt der Jurist, es liegt also ein strukturelles Problem zu Grunde. Wenn die UNO in dieser Weise untergraben wird, ist das schlimm genug. Doch es wird nicht nur die UNO untergraben, sondern es werden Muster gezeigt, nach denen generell juristisch-demokratische Mittel abgewertet werden können (und werden).

Zu den Hauptargumenten Fischers gehört der schwammige Verweis auf das Existenzrecht Israels, welches de facto allerdings nicht gefährdet ist. Zur Sicherung der Existenz Israels sei seine "Dominanz" unverzichtbar. Strukturell ist es ein Joker-Argument, welches nichts anderes besagt, als dass das Wohlgefühl (also die Willkür) einer hierarchischen In-Group zum Maßstab politischen Handelns erhoben wird. Dass dieses Argument funktioniert, bedeutet, dass diese Struktur in unserer Gesellschaft verankert ist. In die gleiche Richtung weist, dass Herr Fischer die besetzten Gebiete anders als das internationale Recht und die EU als "umstrittene Gebiete" ansieht und mit dieser Haltung diverse Ehrungen erfährt.

Da es keine Partei im deutschen Bundestag gibt, die des Außenministers offizielle anti-demokratische Haltung ablehnt, können verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger keine Partei wählen, ohne sich mitschuldig zu machen. Man kann Parteien beitreten, um guten Willen zu zeigen, aber wählen kann man sie derzeit alle nicht. Die Frage, welches Verhalten in derartigen Krisensituationen richtig ist, ist sehr schwer zu beantworten. Gewiss ist es notwendig, die strukturelle Dimension begreifbar zu machen. In der sogenannten Terrorismusbekämpfung ist diese Struktur bereits zur Routine geworden. Aber auch, wenn Firmen aufgrund der wirtschaftlichen Lage ihre Existenz in Gefahr sehen, können sie argumentieren wie Herr Fischer und rechtswidrige Maßnahmen rechtfertigen. Es betrifft jede Art von In-Group und führt zur Schaffung und Festigung von obrigkeitsstaatlichen Willkür-Handlungen, was wiederum zu neuen Konflikten und zu Verzweiflung führt.

Wenn das Argument und das Recht versagen, werden sowohl von oben als auch von unten gewaltsame Handlungen wahrscheinlicher, die als Scheinlösungen fungieren. Wer kann da zur Tagesordnung übergehen? Jeder Demokrat möchte der jetzigen Situation aktiv entgegentreten.



Anis Hamadeh, 19.08.2005   Quelle und mehr

Der Artikel von Prof. K. Lewan:
"
Ohne Wenn und Aber für Israel"

Antwort von Günter Schenk auf Kenneth Lewan und Anis Hamadeh

Wenn der angesehene amerikanische Staatsrechtler Professor Lewan am Beispiel des (noch-) Außenminister Fischer auf die Widersprüchlichkeiten, ja Unwahrheiten in der deutschen Außenpolitik hinweist, so ist die Antwort von Anis Hamadeh verdienstvoll, weil er auf die für jede Demokratie daraus erwachsende Gefahr deutet. Wenn die Wahlfreiheit gefährdet ist, weil nur zwischen zwei Nuancen von Grau gewählt werden kann, in Fragen die zutiefst mit politischer Ethik zusammen hängenden Außenpolitik, so ist Demokratie in Gefahr. Wenn die Macht des Stärkeren zum Rechtstitel erhoben wird, wie, durch Herrn Fischer im Falle Israels, so ist Demokratie, auch bei uns, in Gefahr. Es ist zu wünschen, dass Anis Hamadehs Kommentar von den wissenschaftlichen parlamentarischen Mitarbeitern, in Fraktionen und Abgeordetenbüros, bei der Bundestagsverwaltung gründlich gelesen wird.

Was wahr ist für deutsche Außenpolitik, bekommt, im Internationalen Maßstab weit größere Bedeutung: indem, zuletzt durch den völkerrechtswidrigen
Angriffskrieg der USA und deren Verbündeten, seit dem 2. Weltkrieg sich bewährte Regularien zur Konfliktbewältigung einseitig und ohne jede Not
außer Kraft gesetzt wurden, ist es fraglich, ob in Zukunft Verträge zwischen Staaten überhaupt noch ihre Wirksamkeit bekommen, oder, ob nicht vielmehr, infolge der Desavouierung staatlicher Strukturen (beim "Gegner"), sich Gewalt verselbstständigen wird, "atomisiert" von zahlreichen
nicht kontrollierbaren Gruppen und Untergruppen zu einem allgemeinen Chaos führen wird.

Solange Staaten und Gesellschaften, auch untereinander verfeindete, ihre Konflikte innerhalb anerkannter Regularien zu regeln versuchten, war das Ziel: die Konfliktpartner bindende Verträge, Friedensschluss, mindestens aber Waffenstillstand. Auch der klassische Krieg, so unerträglich und absurd er uns erscheinen mag, wurde mit dem Ziel einer regulierten Unterwerfung des Einen unter den Andern geführt. Der Krieg gegen den Terrorismus, begonnen mit einem mörderischen Angriffskrieg gegen den Irak hat jedoch die Autorität eines jeden künftigen "Loser"-Staates derart untergraben, dass es, sollte er sich nicht zwischenzeitlich durch die Inbesitznahme der ultimativen Waffe, der Kernwaffe "unangreifbar" gemacht haben, in Zukunft wahrscheinlicher geworden ist, Widerstand gegen den möglichen Stärkeren zu "individualisieren". Damit wird Gewalt "vulgarisiert", verallgemeinert und unbesiegbar. Mit der Folge dauerhafter, in die Länder getragener Gewaltakte. Mag man das dann Terror nennen oder Widerstand. Es ändert nichts an den verheerenden Folgen.

Nur die volle Widereinsetzung des internationalen Rechts, ohne Wenn und Aber, kann die Antwort sein. Davon ist aber Herr Fischer meilenweit entfernt.
Er, nicht irgendwelche echte oder virtuelle, oftmals vorher "liebevoll" instrumentalisierte "Terroristen" (siehe Taliban) schaffen die Voraussetzung für Rechtlosigkeit, Uneingeschränkte Herrschaft des Stärkeren - Staatsterrorismus - unwürdige Unterwerfung des Schwächeren sind Voraussetzung zu Widerstand, Resistance, in der politisch wirklich nicht korrekten Sprache unseres Jahrzehnts: "Terrorismus". Wobei sich der Kreis zum Nahost-Konflikt schließt. Es nützt nichts, nur der Rechtsweg kann aus diesem Schlamassel führen, in Israel-Palästina und anderswo... Ob dies der jetzige oder der zukünftige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland beherzigt? Zweifel sind - Personen sind seit gestern bekannt - angezeigt.

Günter Schenk
5, rue des cigognes
F-67930 Beinheim

 

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