Israels Krieg gegen die Jugend
Rela Mazali
Ungefähr sechs Monate, nachdem
Israels Generalstaatsanwalt seine Bestrebungen ankündigte,
gegenteilige Meinungen zu kriminalisieren, haben staatliche
Behörden den Einsatz in ihrem "Krieg" - wie die Tageszeitung
Ha'aretz es letzten September nannte – gegen Israels Jugend und
gegen ihre große Protestbewegung, die den Militärdienst
verweigert, intensiviert – die von den Beamten als
"Wehrdienstdrückeberger" beschimpft werden.
Am 26. April, einen Tag vor Israels
Gedenktag, inszenierte die israelische Polizei ein absurdes
Stück eines politischen Theaters – wie zuerst Dimi Reider
letzten Donnerstag hier berichtete. Als ob sie es mit
gefährlichen, organisierten Kriminellen zu tun hätten,
durchsuchte sie die Häuser von sechs Aktivisten in verschiedenen
Teilen Israels und nahm diese in Untersuchungshaft. Sie nutzte
die Emotionen, die sich an einem Gedenktag für die getöteten
Soldaten entladen und sonderte in einer Polizeiaktion Aktivisten
aus, die gegen das Militär sind und brandmarkte sie als
Außenseiter der legitimierten israelischen Gemeinschaft.
Während ich dies schreibe, hat die
Polizei 10 weitere Aktivisten zum Verhör vorgeladen. Die zur
Zielscheibe gewordenen Aktivisten sind Mitglieder von New
Profile, einer Frauenbewegung, die seit über einem Jahrzehnt
daran arbeitet, die Militarisierung des Staates und der
israelischen Gesellschaft zu ändern. Ich war von Anfang an
Mitglied. New Profile möchte das Recht wahren, schwerwiegende
Probleme, mit denen junge Menschen konfrontiert werden, offen zu
diskutieren. Wir arbeiten daran, die militärische Denkweise zu
ändern, die uns, alle Bürger von Israel und Palästina "als
Geisel hält". Unser Aktivismus kann einige erzürnen, aber wir
handeln völlig legal.
Die Realität ist, dass die Zahl der
jungen Israelis wächst, die sich - wie auch die wehrpflichtige
drusische Minderheit – außerstande sieht, das israelische
Diktat "Es gibt keine andere Wahl" (weiterhin) zu akzeptieren.
Vier Generationen sowie sechs Jahrzehnte voll fehlgeschlagener
"militärische Lösungen" haben eine breite soziale Bewegung
junger Menschen erzeugt, die bei ihrer Einberufung zum Militär
schwerwiegende innere Kämpfe ausfechten.
Verweigerer aus Gewissensgründen
werden praktisch im israelischen Gesetzessystem nicht
berücksichtigt und Israels Gerichte, sowohl die Militär- als
auch die Zivilgerichte – klassifizieren den Grund der
Wehrdienstverweigerung als "politisch", "psychologisch" und nur
sehr selten als " aus Gewissensgründen". Der Gewissenskampf, der
aufkommt, wenn sie vor der Entscheidung der Wehrpflicht stehen,
hat viele junge Menschen zur völligen Verzweiflung gebracht. In
den letzten Jahren war die Zahl der israelischen Soldaten, die
durch Selbstmord ums Leben kamen, höher, als die aller
militärischer Opfer insgesamt.
Laut Ha'aretz ist der Grund für
die kriminelle Ermittlung gegen New Profile "die wachsende
Besorgnis des Verteidigungssektors vor dem wachsenden Trend der
Einberufungsflucht". New Profile ist nicht der Grund, wir dienen
lediglich als Sündenbock, um Angst einzujagen und zukünftige
Verweigerer einzuschüchtern. Deshalb hat der Staat den vielen
Tausenden den "Krieg" erklärt, die sich der Einberufung
widersetzen und sich weigern, ihren Körper, ihre Seele und ihre
Moral visionslosen Politikern zur Verfügung zu stellen.
Seit Jahren hat die Armee
regelmäßig Zehntausende problemlos vom Militärdienst befreit.
Tatsache ist, dass einige Jahre zuvor das Militär und (der
selbe) Verteidigungsminister ein Downsizing-Programm verkündet
haben, mit dem Ziel eine "kleine smarte Armee zu schaffen".
Heutzutage befürchten sie kein Misstrauensvotum, weil sie das
Leben der Soldaten leichtfertig aufs Spiel setzen – aber der
Ärger darüber beschränkt sich nicht länger nur auf einen
entfremdeten, verarmten Teil der Gesellschaft, sondern breitet
sich mittlerweile auch bis tief in die Mittelklasse aus.
Im israelischen Mainstream
offenbart auch die wachsende Legitimierung der
Militärdienstverweigerung, dass der Einfluss der Angst in
unserer Gesellschaft schwindet. Diejenigen, die an der Macht
sind, sowohl die "Rechte", als auch die sogenannte "Linke",
kämpfen, um diese langjährigen Mittel (Praktiken) einer obskuren
politischen Korruption beizubehalten und die Vorstellung einer
"nationalen Einheit" in Form einer "Volksarmee" zu nähren.
Tragischer Weise ist dieser Krieg
gegen New Profile nur ein Teil eines erweiterten Programms der
Unterdrückung von gegenteiligen politischen Meinungen durch den
Staat. Hunderte palästinensischer Bürger Israels wurden
festgenommen, weil sie gegen Israels Militärangriffe auf Gaza im
letzten Januar demonstriert haben. Viele sitzen noch im
Gefängnis, ohne Verurteilung, ohne Untersuchung oder ohne
Prozess. Aktivisten nehmen Teil an gewaltlosen Protesten gegen
das landverschlingende Monster, Israels Trennungsmauer. Sie
werden regelmäßig "mit tödlichem Feuer" angegriffen. Gerade vor
2 Wochen wurde Bassem Ibrahim Abu Rahma von Soldaten in Bil' in
getötet. Dutzende von Aktivisten, sowohl Palästinenser als auch
Juden, werden bei Demonstrationen verhaftet und unterschiedlich
lange inhaftiert. In den meisten Fällen sind die Druckmittel auf
jüdische Aktivisten von ihrer Willkürlichkeit und Brutalität her
nicht mit denen vergleichbar, die gegenüber Palästinensern
angewandt werden.
Jedoch ist die politische
Inszenierung der Unterdrückung, die bei New Profile eingesetzt
wurde, von großer Bedeutung. Jeder Akt der Unterdrückung ist
bedeutend. Man sollte sich ihr widersetzen und wenn sie bei der
Gruppe einer relativ privilegierten Mittelklasse, hauptsächlich
Frauen mittleren Alters, ausgeübt wird, dürfte dies dem größten
der israelischen Gesellschaft mehr ins Auge fallen. Dies
erleichtert die Bloßstellung des Lügenapparates des
Staates und seiner irrwitzigen und erfundenen Beschuldigungen
und vermittelt ehrbaren, aber nicht informierten Menschen ein
konkretes Verständnis für die Realität (der Situation). In der
Waagschale liegt die Zukunft von Recht und Frieden für jeden
Menschen in Israel und in den Palästinensischen Gebieten. Das
Leben der israelischen Jugend, gegen die der Staat diesen Krieg
führt, steht auf dem Spiel. Wofür wir kämpfen, ist die Zukunft
einer Demokratie, einer Zivilgesellschaft.
( dt. Inga Gelsdorf)
|