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NAHOST-NACHRICHTEN der “Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost” (Österreich)

 

Januar-Februar 2009

 

 

Diese Ausgabe der “Nahost-Nachrichten” ist dem Andenken der vom israelischen Militär in Gaza getöteten und verwundeten Kindern gewidmet.

 

(Anmerkung: Aus der Fülle von Nachrichten, Artikeln, Presseberichten und Reportagen, oft über unerträgliche Gewalttaten der israelischen Streitkräfte währen ihres Angriffs auf die wehrlose Zivilbevölkerung Gazas, können wie nur eine kleine Auswahl von Ereignissen und Stellungnahmen wiedergeben. Die Quellen kommen wie gewöhnlich aus dem Ausland, da die österreichischen Medien, wie immer wenn es um den Israel/Palästina Konflikt geht, im Vergleich zu anderen Ländern, nur spärlich berichten.)

 

 

“Der entsetzliche Blutzoll der Kinder in Gaza”, Rory McCarthy in “The Guardian” (London), 24.01.2009.

 

(Anmerkung: Fast dreihundert Kinder, von insgesamt 1.268 Todesopfern, wurden während des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen getötet, eintausend verwundet, viele davon schwer, zahllose traumatisiert. Der Artikel von Rory McCarthy berichtet über die Geschichte und das traurige Schicksal von 10 Kindern. In der englischen Originalfassung ist ein Photo jedes Kindes zu sehen. Wir bringen einen kurzen Auszug aus dem Artikel.)

 

Lins Hassan, 10. Ein Geschoss traf sie am Kopf und tötete sie auf dem Weg zu einem Laden der neben der Schule der Vereinten Nationen war, wo sie etwas einkaufen wollte. Sie war die Älteste von sechs Geschwistern. Ihr Vater dazu: “War mein Kind in der Hamas?”, eine Frage, die die Eltern der getöteten Kinder immer wieder stellen….

 

Mohammed Shaqoura, 9. Getötet beim Beschuss der israelischen Armee auf die Schule der Vereinten Nationen in Jabaliya. Er war gerade dabei mit seinen Freunden daneben auf der Strasse zu spielen. Mohammed lag mit einer Kopfwunde auf dem Pflaster, als sein Vater ihn fand.

 

Amal Abed Rabbo, 2. Sie wurde von israelischen Soldaten vor ihrem Haus im Dorf Izbit bei Gaza erschossen. Zu Mittag befahlen Soldaten einer Panzereinheit der Familie aus dem Haus zu kommen. Der Panzer feuerte. Amal und ihre Schwester, Souad,7, waren sofort tot. Ihre Schwester Samer, 4, wurde schwer verwundet. Sie ist gelähmt und befindet sich in einem Spital in Belgien. Der Vater: “Ich möchte von den Israelis wissen, warum sie meine Töchter getötet haben”.

 

Shahed Abu Sultan, 8. Am 5. Januar saß sie auf ihres Vaters Knien, ausserhalb ihres kleinen Hauses im Flüchtlingslager von Jabaliya. Ein israelischer Hubschrauber flog über das Haus und schoss hinunter. Shahed wurde von einer Kugel im Kopf getroffen. Der Vater: “Ich weinte ein Meer von Tränen. Shahed starb ein Mal, aber ich sterbe eine Million Mal täglich.”

 

Mohammed Abu Eisha, 10, Saydd Abu Eisha, 12 und Ghaida Abu Eisha, 8. Am 5. Januar um ein Uhr morgens traf eine Fliegerbombe das Haus der Familie Eisha. Die Bombe explodierte im ersten Stock, wo die meisten Familienmitglieder schliefen. Unter den Toten waren diese drei Kinder. Überlebende fanden ihre Leichen und die ihrer Eltern in den Trümmern des Hauses. Zwei weitere Kinder überlebten, schwer traumatisiert.

 

Adham Mutair, 17. Israelische Panzer hatten am 9. Januar mehrere Häuser in Beit Lahiya umstellt. Die Bewohner waren bereits eine Woche in ihren Häusern eingeschlossen. Adham stieg auf das Dach, um die Tauben im Vogelhaus zu versorgen. Als er ins Freie trat, trafen ihn drei Kugeln. Er starb am nächsten Tag im Spital. Der Familie wurde die Teilnahme an seinem Begräbnis verwehrt.

 

Mohammed Abu Halima, 16 und Abdul Rahim Abu Halima, 14. Abdul wurde von einer weißen Phosphorgranate, die sein Haus in Atatra traf, getötet. Er starb zusammen mit zwei seiner Brüder, Zayed, 8 und Hamza, 6, seiner Schwester Shahed, 15 und dem Vater der Kinder, Saad Allah, der sie mit seinen Armen zu schützen suchte, als die Granate einschlug. Mohammed, Abduls Cousin, wurde von israelischen Soldaten erschossen , als er seine verletzten Verwandten aus dem brennenden Haus tragen wollte.

 

Jetzt, wo die meisten Toten begraben sind und haben wir den ersten Blutzoll des Angriffs vor Augen, vor allem den der Kinder von Gaza, die über die Hälfte der 1,5 Millionen Einwohner stellen. Die Auswirkungen werden auf Jahre fühlbar sein. Von den über 4.000 Verletzten sind ein Viertel Kinder, von denen einige schwer behindert bleiben werden. Es ist vorauszusehen, dass die Hälfte der Kinder Gazas – 350,000 – unter post-traumatischen Störungen leiden werden. Israel hat jede internationale Kritik zurückgewiesen, dass seine Streitkräfte ihre Feuerkraft übermäßig und wahllos einsetzten. Premier Minister Olmert, darauf angesprochen: “Jetzt redet man über Israels Grausamkeit. Der Angreifer verursacht automatisch mehr Schmerz, als der Angegriffene. Wir wollten diesen Feldzug nicht verlieren. Was wollen Sie – sollten Hunderte unserer Soldaten fallen? Dies wäre die Alternative gewesen.” Auf israelischer Seite gab es 13 Tote, drei davon Zivilisten. In den letzten acht Jahren starben 20 Menschen in Israel als Folge der Raketenangriffe der palästinensischen Kämpfer aus Gaza….

 

 

“Israel werden Kriegsverbrechen vorgeworfen” Rory McCarthy in “The Guardian” (London), 10.01.2009

 

Der ranghöchste Beamte für Menschenrechte der Vereinten Nationen erklärte, dass die israelischen Streitkräfte in Gaza Kriegsverbrechen verübt habe könnten. Die Warnung kam, als Israel seinen tödlichen Angriff in Missachtung der Resolution des UN-Sicherheitsrates die Kampfhandlungen einzustellen, fortsetzte. Navi Pillay, UN-Hochkommissar für Menschenrechte verlangte eine “glaubwürdige, unabhängige und transparente Untersuchung möglicher Verletzungen von Menschenrechtsgesetzen“. Er gab als Beispiel einen Vorfall an, bei dem in Zeitoun bei Gaza City in einem Haus 29 Palästinenser, alle Mitglieder der Großfamilie Samouni von israelischen Soldaten getötet wurden. Dieser Vorfall – einer der schwerwiegendsten – sagte Pilavy, ehemaliger Richter beim Internationalen Gerichtshof und aus Südafrika stammend, “scheint alle Elemente eines Kriegsverbrechens in sich zu vereinigen…. es ist die Pflicht seitens der Soldaten, nach internationalem Recht, Zivilisten zu schützen, nicht wahllos zu töten und Verwundeten zu helfen.” Israels Militärbehörden behaupten, keine Kenntnis von diesem Vorfall zu haben, jedoch solle er untersucht werden.

 

(Anmerkung: Umso bekannter ist dieser tragische Vorfall der deutschen und französischen Presse. Die “Süddeutsche Zeitung” vom 26.01.2009 (wie auch “Le Monde” (Paris) vom 24.01. und “Le Nouvel Observateur” (Paris) vom 29.01. – 06.02.) berichtet: “Salah al-Samouni, der 30-jährige Lastwagenfahrer, steht im Stadtteil Zeitoun zwischen den Trümmern, einen Verband um den Kopf. Es riecht nach Verwesung. Tote Hühner, Tauben, Eselskadaver liegen zwischen den Schutthaufen, die einmal Häuser waren… Nun steht hier ein Trauerzelt für Kondolenzbesucher, aus dem Lautsprecher kommen klagende Koranverse. Ein Plakat hängt am Zelt mit 29 Namen. Sie lauten alle Samouni. Die Großfamilie hat traurige Berühmtheit erlangt: beim Einschlag einer israelischen Rakete in eines der mit Alten, Frauen und Kindern vollen Häuser wurden 22 Menschen gleichzeitig zerrissen. Sie gehörten alle zur Familie. Die anderen sieben starben in Nebenhäusern. Die Samounis waren von israelischen Soldaten aufgefordert worden, sich in einem Haus zu versammeln. Zu ihrem Schutz. Weshalb in dieses Haus dennoch eine Rakete einschlug? Salah al-Samouni weiß es nicht. Er sagt: “In unserer Strasse waren keine Hamas-Kämpfer”. In dem Haus aber waren seine Mutter, sein Vater, seine zweieinhalbjährige Tochter. Dazu ein Onkel, Cousins und Cousinen.”

Amnesty International und mehrere NGOs stellen Beweismaterial für Kriegsverbrechen zusammen. Die Palästinensische Autonomiebehörde appelliert an den Internationalen Strafgerichtshof. In mehreren europäischen Ländern bereiten Juristen Anklagen vor. Israel scheint dies Ernst zu nehmen. Premier Minister Olmert versprach Soldaten und Offizieren Rechtsbeistand. Mitglieder der Armeespitze müssen vor Auslandsreisen die Erlaubnis der Regierung einholen, da sie in mehreren Ländern gerichtlich belangt werden könnten.)

 

 

“ Untersuchungen in der israelischen Armee : sie kann die Zerstörung von Häusern in Gaza nicht rechtfertigen” , Amos Harel in “Haaretz” (Tel Aviv), 15.02.2009

 

In Untersuchungen zur Offensive gegen den Gazastreifen wird gewarnt, dass die Armee in große Schwierigkeiten kommen könnte, das Ausmaß der Zerstörung von Wohnhäusern zu rechtfertigen. Aus einer Militärquelle geht hervor, dass “in einem Teil des Kampfgebietes unermessliche Schäden verursacht wurden, die nur sehr schwer gerechtfertigt werden können, besonders wenn Rechtfertigung in Rechtsverfahren internationaler Organisationen verlangt wird.” Im Laufe des Angriffs zerstörte die Armee Hunderte Häuser in verschiedenen Gegenden. Nach palästinensischen Schätzungen handelt es sich um mehrere tausend Häuser, zerstört durch Luft- und Bodenangriffe, durch Bulldozer oder durch Explosionen, die von Armeekommandanten befohlen wurden. In rechtlichen Verfahren bezüglich ziviler Todesopfer beruft sich die Armee auf “Kollateralschäden” oder verfehlte Ziele. Untersuchungen zeigen ferner, dass in vielen Fällen Kommandanten Zerstörungen angeordnet hatten, weil Wohnhäuser die “Aussichtslinie” von Armeestellungen behinderten.… In Dutzenden Fällen wurden Häuser auf bloßen Verdacht hin zerstört, auch wenn sich dieser als grundlos erwies, da sich unter ihnen Tunnels befinden konnten. Ein Sprecher der Rechtsabteilung der Armee erklärte, dass sich ”die Rechtfertigung solcher Fälle als sehr schwer erweisen würde.”

 

(Anmerkung: der Ausdruck “Kampfgebiete” sowie jeder Bezug auf Kämpfe sind ein Hohn, da es ja kaum gegnerischen Widerstand gab. Von den 13 israelischen Soldaten, die bei dem Angriff auf Gaza ums Leben kamen, wurden mehrere durch Feuer aus eigenen Reihen getötet, wie selbst die Armee zugibt.)

 

 

“Die israelische Gesellschaft droht durch den Krieg zu verrohen”, Michael Borgstek in “WeltOnline”, 13.01.2009

 

Der Krieg schweißt die Nation zusammen. Mit überwältigender Mehrheit unterstützt die israelische Bevölkerung den Angriff auf Gaza. Und dies trotz alltäglicher Gewalt, traumatisierten Soldaten und der vielen zivilen Todesopfer in Gaza. Viele Israelis haben ihren moralischen Kompass und ihre Fähigkeit Mitleid zu empfinden verloren…. Wenn eine Armee ihren moralischen Kompass verliert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Gesellschaft verrohe, fürchtet Jael Pas-Melamed, linksliberale Kolumnistin der Tageszeitung “Maariv”: “In dieser “Checkpointkultur” sind die Soldaten allmächtig…. so ist das in einem Besatzungsregime”. Mit ihrer Abschlussarbeit in klinischer Psychologie hat Nufer Jischal-Karin in Israel viel Staub aufgewirbelt. Für ihre Studie führte sie lange Gespräche mit 21 Soldaten, die sie aus ihrer Militärzeit kannte… Was sie ihr erzählten, war erschreckend, ihr Bericht gleicht einem Horrorroman… Nufer kam zum Schluss: “An einem bestimmten Punkt ihres Militärdienstes hat die Mehrheit der Befragten es genossen, anderen Menschen Gewalt zuzufügen.” Jonathan W. wandte sich nach seiner Entlassung an die Organisation “Schowrim Schtika” (Das Schweigen brechen), um das Erlebte zu Protokoll zu geben. Mehr als 500 Zeugenaussagen von Soldaten hat die Organisation gesammelt. Es sind fürchterliche Geschichten darunter… Jonathan W.: “Ich war zwar nicht gewalttätig, ich habe es aber nicht gemeldet, als ein Kamerad auf dem Wachposten aus Langeweile mit scharfer Munition versuchte, den Fußball spielender palästinensischer Kinder zu treffen und dabei einem Buben ins Bein schoss…ich war 19 und war von mir selbst schockiert…”

 

 

“Die Zeit der Selbstgerechten”, Gideon Levy in “Haaretz” (Tel Aviv), 10.01.2009 (übersetzt von Andrea Noll)

 

Dieser Krieg legt – vielleicht mehr als seine Vorgänger – die wahren grundlegenden Lebensadern unserer israelischen Gesellschaft bloß. Rassismus, Hass, Blutdurst und der Impuls, sich zu rächen, spuken in den Köpfen herum. Militärkorrespondenten beschreiben es im Fernsehen so: “Der “Kommandeur”, die Armee, ist darauf aus, so viele wie möglich zu töten”. Selbst wenn sich dieser Satz auf die Hamas-Kämpfer bezieht, ist er Gänsehaut erregend. Ungezügelte Aggression und Brutalität geschehen unter dem rechtfertigendem Vorwand, man gehe eben “vorsichtig” vor. Das erschreckende Opfermissverhältnis – auf jeden getöteten Israeli kommen 100 getötete Palästinenser – wird nicht in Frage gestellt. Es ist, als hätten wir uns entschieden, dass unser Blut hundertmal mehr wert ist als deren Blut. Das passt zu unserem inhärenten Rassismus. Selbstgerechte, Nationalisten, Chauvinisten und Militärs sind die Einzigen, die hier legitimerweise den Ton angeben. Lasst uns doch mit Menschlichkeit und Mitleid in Ruhe! Nur am Rande des Lagers ist die Stimme des Protestes zu hören – von einer Gruppe mutiger Juden und Araber. Diese Stimme gilt als illegitim, isoliert und wird von der Medienberichterstattung ignoriert.

Daneben ist eine weitere Stimme zu vernehmen – womöglich die schlimmste. Es ist die der Selbstgerechten, der Heuchler. Diese Woche schreibt mein (Haaretz)-Kollege Ari Shavit einen Artikel, in dem es u.a. heißt: “Die israelische Offensive in Gaza ist gerechtfertigt… Nur eine sofortige, generöse humanitäre Initiative kann beweisen, dass wir uns selbst während eines brutalen Krieges, der uns aufgezwungen wurde, daran erinnern, dass auch auf der anderen Seite Menschen sind.” Will Shavit, dass wir killen, killen, immer weiter killen – um hinterher Feldlazarette aufzustellen? Ihm ist klar, dass ein Krieg gegen diese hilflose Bevölkerung – gegen die vielleicht hilfloseste Bevölkerung auf Erden, weil sie nirgendwohin fliehen kann, – dass ein solcher Krieg nichts als grausam und ekelerregend ist… Wir schießen und weinen, wir töten und lamentieren… Wem Blut an den Händen klebt, kann keine Hilfe leisten. Aus Brutalität kann kein Mitleid sprießen… Es gibt immer noch Leute, die wollen, dass die Kriegsverbrechen fortgeführt werden und fühlen nicht die Schwere der Schuld, die sie eigentlich empfinden müssten… Jeder, der diesen Krieg rechtfertigt, rechtfertigt auch alle Verbrechen dieses Krieges. Jeder, der diesen Krieg als Selbstverteidigung sieht, hat die moralische Verantwortung für dessen Folgen zu tragen…

 

 

“Der Hamas eine Lektion erteilen zu wollen ist ein großer Irrtum”, Tom Segev in “Libération” (Paris), 30.12.2008

 

….Israel zieht noch und noch Kriege aus seinem Hut, einen nach dem anderen… Israel will den Palästinensern eine Lehre geben, – ein Leitmotiv, das den Zionismus seit seinen Anfängen begleitet. Wir repräsentieren Fortschritt und Aufklärung, sind eine erwählte und moralische Nation, während die Araber eine primitive und gewalttätige Horde sind, ignorante Kinder, die erzogen werden müssen… Das Ziel der Bombardierung Gazas ist es, das Regime der Hamas auszumerzen. Israel hat schon immer geglaubt, dass die Palästinenser leiden müssen, um sich gegen ihre nationalen Führer aufzulehnen, eine Annahme, die sich jedes Mal als falsch erwiesen hat… Die Hamas ist keine terroristische Organisation, die die Bevölkerung von Gaza in Geiselhaft hält, sie ist eine nationalistische religiöse Bewegung, die die Mehrheit der Gazaner unterstützt…Seit Beginn des Zionismus haben niemals militärische Aktionen seitens Israel den Dialog mit den Palästinensern weitergebracht… Statt Gaza zu blockieren, sollte das Gebiet dem Westjordanland geöffnet werden, auch um altes Projekt zu verwirklichen, nämlich dort Familien aus dem überfüllten Gazastreifen ansiedeln zu können. Das palästinensische Westjordanland ist aber von Israel für jüdische Siedler vorgesehen…

 

 

“Israels Lügen”, Henry Siegman in “The London Review of Books” , Januar 2009.

 

Westliche Regierungen und die meisten westlichen Medien haben fraglos Israels Rechtfertigung für einen Angriff auf Gaza akzeptiert, z.B. dass die Hamas den monatelangen Waffenstillstand gebrochen hätte und dass daher Israel keine andere Wahl blieb als aus Selbstverteidigung die Hamas zu vernichten…. Jede der Behauptungen Israels ist eine Lüge. Nicht die Hamas, sondern Israel brach den Waffenstillstand. Die Hamas hatte sich verpflichtet den Raketenbeschuss auf Israel einzustellen, wenn im Gegenzug Israel die Blockade des Gazastreifens lockert. Doch im Gegenteil : Israel verschärfte die Blockade, was nicht nur von neutralen Beobachtern und NGOs vor Ort bestätigt wurde, sondern auch vom ehemaligen Kommandanten der Gaza Division Brigadegeneral (in Res.) Shmuel Zakai. Er beschuldigte Israel während dieser Zeit den Fehler gemacht zu haben, statt die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung Gazas zu verbessern, sie verschlimmert hatte… Am 4. November 2008 brach Israel den Waffenstillstand, als eine Armeeeinheit in Gaza eindrang und sechs Palästinenser tötete. Die Hamas erneuerte den Raketenbeschuss, bot aber Israel dessen Einstellung an, unter Bedingung des Beendens der Blockade. Israel weigerte sich. Es hätte seinen Bürgern im Süden die Raketen ersparen können… hatte aber einen Angriff auf Gaza bereits seit Monaten geplant…Israel möchte der Welt vormachen, dass die Hamas Raketen abschießt, weil es das ist, was Terroristen eben tun. Die Hamas ist aber nicht mehr “Terrororganisation” als die zionistische Bewegung gegen die Briten um einen unabhängigen Staat kämpfte und terroristische Gruppen in ihren Reihen hatte. Warum ist die israelische Führung so darauf aus die Hamas zu vernichten? Sie weiß, dass die Hamas – anders als die jetzige Fatah – nicht zu einem Friedensabkommen gezwungen werden kann, das hauptsächlich den Interessen Israels dient und das einen palästinensischen “Staat” vorsieht, der aus unzusammenhängenden Enklaven besteht, die permanent unter israelischer Kontrolle stehen…

 

(Anmerkung : Henry Siegman ist Direktor des “US Middle East Project” in New York und Gastprofessor an der Universität London. Er ist ehemaliger Direktor des “American Jewish Congress” und des Synagogenrates Amerikas. Ein Musterbeispiel dafür wie Menschen ihre Standpunkte und Einstellungen grundlegend ändern können!)

 

 

“Operation Straffreiheit. Israel radiert Palästina Schritt für Schritt von der Landkarte: zu seiner Rechtfertigung produziert der Staatsterrorismus Terroristen, sät Hass und erntet Alibis”, von Eduardo Galeano.

 

(Anmerkung : Eduardo Galeano ist uruguayischer Schriftsteller und Journalist. Diesen Artikel widmet er seinen jüdischen Freunden, die von den lateinamerikanischen Diktaturen ermordet worden sind, die Israel beraten hat.)

 

17.01.2009. Seit 1948 sind die Palästinenser zu einer lebenslangen würdelosen Unterwerfung verurteilt. Sie haben ihre Heimat verloren, ihr Land, ihr Wasser, ihre Freiheit, ihr alles. Ihnen wird nicht einmal zugestanden, die eigene Regierung zu wählen. Wenn sie diejenigen wählen, die sie nicht wählen dürfen, dann werden sie bestraft. Gaza wird bestraft. Der Landstreifen ist zu einer Mausefalle geworden, seitdem die Hamas in sauberer Weise die Wahlen im Jahr 2006 gewonnen hat… Die Palästinenser sind Kinder der Ohnmacht selbstgebauter Raketen, die von den in Gaza eingekesselten Hamas-Aktivisten mit ungeschickter Zielgenauigkeit in Richtung des Landes abgeschossen werden, das ihnen einmal gehört hat… Es gibt nur noch ganz wenig Palästina. Israel radiert es Schritt für Schritt von der Landkarte. Die Siedler dringen ein, hinter ihnen folgen die Soldaten und ziehen laufend die Grenzen nach. Die Kugeln heiligen dann den Raub als gerechtfertigte Verteidigung.

Es gibt keinen aggressiven Krieg, der sich nicht auf das Recht der Verteidigung berufen hätte. Hitler hat Polen überfallen, um zu verhindern, dass Polen Deutschland angreift, Bush den Irak, damit dieser nicht die Welt angreift. Bei jedem seiner “defensiven” Kriege hat Israel ein Stück Palästina verschlungen, und die Mahlzeiten werden fortgesetzt. Das Verschlingen wird mit Eigentumsansprüchen aus der Bibel begründet, mit der 2000-jährigen Verfolgung des jüdischen Volkes und wegen der Panik, die die aufmüpfigen Palästinenser verursachen.

Israel ist das Land , das niemals die Empfehlungen oder Resolutionen der Vereinten Nationen befolgt. Es setzt sich über alle Verurteilungen internationaler Gerichte hinweg. Es spottet über das internationale Recht. Es ist auch der einzige Staat, der die Folterung von Gefangenen legalisiert hat. Wer hat diesem Land die Rechte eingeräumt, alle Rechte ignorieren zu dürfen? Woher kommt die Straffreiheit, mit der Israel das Gemetzel in Gaza durchzieht? Die spanische Regierung hätte unmöglich straffrei das Baskenland bombardieren können, um die ETA zu zerschlagen. Oder die britische Regierung Irland? Ist die Tragödie des Holocaust etwa eine Zusicherung ewiger Straffreiheit?

Existiert die internationale Gemeinschaft überhaupt? Ist das mehr nur als ein Klub von Händlern, Bankiers und Heeresführern? Angesichts der Tragödie von Gaza übt sich die Welt in globaler Heuchelei…


 

 

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