Wer ist frei auf der Hallalimkreuzung?
Oder außergerichtliche Todesstrafe
Von
Gideon Levy/Miki Kretzmann
Augenzeuge: Die als Araber verkleideten
israelischen Soldaten zogen Ashraf
Haneishe aus seinem Taxi, schossen ihm
in die Knie, zogen ihn verwundet an den
Straßenrand und schossen ihn in den Kopf
und in die Brust. Der Armeesprecher:
"Während einer versuchten Verhaftung,
zog er eine Waffe."
Eine an den Straßenrand geworfene,
zerquetschte Familien-Coca-Cola-Flasche
liegt auf dem Steinhaufen, der von
Freunden improvisiert wurde. Vier Tage
nach dem Vorfall war der kleine
Blumenkranz schon verwelkt. Es war auf
der Hauptstraße zwischen Nablus und
Jenin, und es war am Vorabend unseres
Gedenktages. Nun finden immer mehr
Beerdigungen auf beiden Seiten der
Straße statt: nach einem blutigen
Wochenende mit neun getöteten
Palästinensern in den besetzen Gebieten
- sieben hier und zwei andere im
Gazastreifen.
In wenigen Stunden werden wir die
Sirenen für den Gedenktag hören und das
Volk von Israel wird um die Getöteten
trauern. Gleichzeitig werden in Nablus
die beerdigt, die während der Nacht
getötet wurden, Amin Labada, 20, Fadel
Nur, 21; in Kfar Daan beerdigten sie
einen palästinensischen Polizisten,
Muhamed Abed, der durch das Fenster
seines Hauses erschossen wurde; und im
Flüchtlingslager von Jenin beerdigten
sie das Mädchen Bushra al Wahish, 17,
deren Bruder gesucht wurde.
Während Nablus und Jenin seine Toten
beerdigt, sind die Menschen in Kabatija,
das dazwischen liegt, noch wütend über
den Mord an einem der ihren, Ashraf
Haneishe. Haneische, ein Taxifahrer und
pal. Polizist, vielleicht auch gesucht,
wurde in dieser Woche hier von der
Undercover-Einheit (Mist-aravim) am
hellerlichten Tage vor den Augen seiner
drei erstaunten Taxipassagiere erledigt.
Das Trauma ist noch immer auf dem
Gesicht des Arbeiters, Haled sichtbar.
Er war einer der Mitfahrer, der uns
erzählte, was er gesehen hat, während
der trauernde Vater von Haneishe seinen
Zorn zum Ausdruck brachte; sein Kinn
zitterte, seine falschen Zähnen fielen
ihm beinahe aus dem Mund.
Ein leichter Wind bewegt die Spitzen der
Zypressen, die in der Nähe den kleinen
Soldatenfriedhof der irakischen Armee
von 1948 umgeben. Wir besuchten den Ort
vor drei Wochen, um einen anderen Mord
im nahen Dorf Shohada zu dokumentieren.
Und nun sind wir schon wieder hier wegen
noch eines Mordes. Wenn die Berichte der
Augenzeugen richtig sind, so wurde
Haneishe kaltblütig ermordet. Er
hinterließ eine Frau und zwei kleine
Kinder. Zuerst wurde er von den
Mist-aravim verletzt und dann in einem
Straßengraben getötet, während man ihn
ohne Verletzung hätte verhaften können.
Wenn die Augenzeugen richtig berichten,
so war dies noch ein mörderisches
Verbrechen.
Haneishe war eine Woche lang Polizist
und die andere Woche arbeitete er als
Taxifahrer auf der
Kabatiya-Jenin-Nablus-Straße. Das war
sein Leben. Sollte er dann noch Zeit
gehabt haben, um als Aktivist beim
Islamischen Jihad mitzumachen, wie die
IDF behauptet? Um sein Einkommen als
Polizist in Nablus zu ergänzen, wo sein
Gehalt seit langem nicht gezahlt worden
war. Deshalb arbeitete der junge Mann
auch auf der Familientaxistation, die
ihm und seinem Bruder in Qabatia gehört.
Eine Woche Polizist, eine Woche
Taxifahrer - war er außerdem ein
"Gesuchter" ? Wie kann er ein Gesuchter
sein, wenn er als Taxifahrer arbeitet
und täglich die zahlreichen
IDF-Kontrollpunkte durchfährt? fragen
seine Freunde. Erst letzte Woche fuhr er
durch den Beit Iba Kontrollpunkt, sagen
seine Taxi-Kollegen. Die Soldaten
stoppten ihn, kontrollierten seine
Ausweispapier und ließen ihn dann
fahren. Was für eine Art von "Gesuchten"
ist er dann?
In den Tagen vor seinem Mord wurden
Verwandte von ihm zwar gefragt, ob sie
Ashraf seien - es waren immer Leute, die
wie Araber aussahen …Als Ashraf von
seinen Kollegen gefragt wurde, ob er ein
"Gesuchter" sei, wusste er von nichts.
Er fuhr doch jeden Tag durch den
Checkpoint. Er hatte nie eine Waffe und
war immer ein ernsthafter Arbeiter wie
jeder im Taxibetrieb. …
Am Dienstag letzter Woche stand er wie
üblich auf, weckte seine Töchter holte
etwas aus dem Laden zum Frühstück. Um 7
ging er zum Taxistand. Um 9 Uhr 30 fuhr
er los zu seiner ersten Fahrt, die auch
seine letzte wurde. Der Autoschlosser
Sabana telefonierte und bestellte ein
Spezial-Taxi bei einer Autowerkstätte
und bestellte Motorteile. Zu dritt
fuhren sie los, Haneishe, der
Autoschlosser und der Besitzer des
Wagens, der ein Ersatzteil für seinen
Motor brauchte.
Sabana, 27, sagte, die Straße nach Jenin
sei frei. Sie kauften die Teile und
machten sich auf den Rückweg nach
Kabatiya. Haneische war sein üblicher
Fahrer. Er sah ihn nie mit einer Waffe.
Auch diesmal nicht. Auf dem Rückweg
nahmen sie an einer Kreuzung noch einen
Passagier auf, der auf dem Weg zu seiner
Arbeit war.
Ein paar hundert Meter vor der Kreuzung
sahen sie einen alten VW-Transporter,
weiß und gelb angestrichen und mit einer
palästinensischen Autoplakette. Dieser
überholte sie links. Plötzlich hielt
dieser an, blockierte die Fahrbahn für
das Taxi. Haneische sagte noch:
"Vielleicht haben sie ein Problem."
Fünf oder sechs maskierte Männer
sprangen aus dem Transporter mit
schwarzen Strumpfmasken über den
Gesichtern, bedrohten Haneishe und die
andern Passagiere im Taxi mit gezogenen
Waffen. Sabana war sofort klar, dass es
eine Mist-aravim-Gruppe war. Sie
befahlen den drei Passagieren, sich
sofort auf den Boden zu legen, Haneishe
stieg - nach Aussage von Sabana - mit
erhobenen Händen aus dem Wagen. Er habe
dann seinen Ausweis aus der Tasche holen
wollen. Er versuchte nicht zu fliehen.
Die maskierten Männer hätten sofort auf
Haneishes Kniee geschossen. Er fiel
verletzt auf die Straße.
Danach zogen die Männer den verletzten
Haneishe auf die andere Straßenseite.
Alles geschah sehr schnell. Nach wenigen
Sekunden hörte Sabana Schüsse. Die
Soldaten erlaubten den auf dem Boden
liegenden Passagieren nicht, ihren Kopf
zu heben. Sabana behauptet noch, sie
hätten einem von ihnen gegen den Kopf
gestoßen. Aber aus dem Augenwinkel
heraus sah Sabana wie Haneishe am
Straßenrand lag, den Körper von Kugeln
durchlöchert. Er wurde nach
Zeugenausagen aus nächster Nähe
erschossen, nachdem man ihm schon in die
Beine geschossen hatte.
Die maskierten Männer kehrten zu ihrem
Wagen zurück und befahlen den drei
geschockten Passagieren, auch in ihren
Wagen zu steigen. Salana sagt, dass ihm
die wenigen Sekunden auf dem Boden wie
eine Ewigkeit vorgekommen seien und
nachdem er die Schüsse gehört, auch
damit gerechnet habe, erschossen zu
werden. Einer der Männer sagte später im
Wagen: "Ihr habt euer Leben als Geschenk
zurückbekommen". Unter sich hätten diese
Männer hebräisch gesprochen. Sie fuhren
dann auf einer Nebenstraße zur
Arrabe-Kreuzung, wo sie aussteigen
sollten. …
In dieser Woche sagte ein IDF-Sprecher
auf Fragen von Haaretz: die hier
erwähnten Behauptungen stimmten nicht.
Am 17. April identifizierte eine
Spezialtruppe der Grenzpolizei Ashraf
Haneische südlich von Jenin. Er sei ein
ranghohes gesuchtes Mitglied des
islamischen Jihad gewesen. Während der
versuchten Verhaftung habe Haneishe eine
Waffe gezogen und auf die Soldaten
gezielt, die dann auf ihn schossen und
ihn töteten. Haneishe habe der
islamischen Infrastruktur im nördlichen
Shomrom geholfen. Diese Infrastruktur,
die kürzlich Selbstmordattentate
innerhalb Israels auszuführen versuchte,
arbeite mit den oberen Befehlsrängen der
Organisation in Syrien zusammen. Diese
Befehlsränge seien mit der Organisation
und dem Management der
Terrorinfrastruktur und der
Geldbeschaffung beschäftigt …Haneishe
sei einer von denen gewesen, die das
Geld zwischen syrischen Kommandeuren und
den lokalen Aktivisten transferiert
habe…----
Auf mehreren Handys und auf einer
Videokamera sieht man den toten Ashraf
im Wagen, der den Toten zum Krankenhaus
brachte; man kann das Loch im Kopf und
in der Brust sehen…
"Warum töteten sie ihn einfach so - den
Vater von zwei Töchtern?" flüstert
Bassam. "einen Taxifahrer, wie konnte er
plötzlich eine Waffe bei sich haben? Wer
wird schon mit einem bewaffneten
Taxifahrer fahren wollen?"
Der trauernde Vater, Shahada Haneishe,
kann nichts mehr empfinden. Einen
Augenblick lang, habe ich das Gefühl, er
bricht zusammen. Mit Schaum vor dem Mund
schreit er: "Sie töteten ihn nur, weil
er ein Palästinenser ist - ohne einen
Grund --- ohne einen Grund."
(dt. und gekürzt: Ellen Rohlfs - nach
den Behauptungen der IDF könnten die
Aussagen eines Gefolterten dahinter
stecken, der schließlich einen Namen
nannte, ER)
Haaretz, 27.04.2007
( Aus dem Hebr. Judith Green)
(dt. Ellen Rohlfs)