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Mutterschaft per Telefon
von Gideon Levy, Haaretz 4.10.07, Foto: Miki Kratzmann

 

 Der Hof in Beit Awla nördlich von Hebron ähnelt einem Spielplatz im Jugendzentrum: Hier laufen jede Menge Kinder umher, alle achtzehn Kinder von Jihad Al Akel. Auch das Wohnzimmer im Erdgeschoss erinnert an ein Gemeindezentrum: Ein riesiger Raum, dutzende von Sesseln, Stühlen und Sofas. Hier trifft sich die Familie. 

 

Über diesem Saal gibt es zwei Stockwerke, eines für jede Frau und ihre Kinder. Harbiya, die erste Frau, mit zwölf Kindern, wohnt im ersten Stock, die zweite Frau, Miada, lebt mit sechs Kindern im zweiten Stock. Ein in Beige gehaltenes Wohnzimmer für die erste Frau, Karmesinrot in der Wohnung der zweiten. Die Küche der ersten ist größer, Sie hat ja auch zweimal so viele Kinder wie die zweite. Nur fünf Tage liegen zwischen der Geburt von Rami, Sohn der ersten Frau, und Narwan, Tochter der zweiten. Halbgeschwister. Es gibt noch mehr Kinder, die ungefähr gleich alt aussehen, wie in einer Schulklasse.

 

Bis vor einem Jahr hat Jihad seine Nächte sorgsam geteilt. Jedes Stockwerk, jede Frau, eine Nacht. Aber seit fast einem Jahr steht das Elternschlafzimmer im zweiten Stock leer. Das Ehebett ist ordentlich gemacht, die Friesiertoilette ist aufgeräumt, aber die Frau fehlt. Miada wohnt hier nicht mehr seit zehn Monaten. Israel verbietet ihr, nach Hause zurück zu kommen, und sei es auch nur für einen Kurzbesuch. Ihr fataler Fehler: Sie besuchte ihre kranke Mutter in Jordanien, jetzt ist ihr der Weg nach Hause versperrt. Sechs Kinder fragen nach ihrer Mutter, sprechen mit ihr alle paar Stunden am Telefon, auch ge-SMSt wird viel, "Wo seid ihr?", und "Was macht ihr gerade?", alle paar Minuten. Jihad fotografiert die Kinder mit dem Mobiltelefon und schickt fast jeden Tag Bilder. Eine Art Mutterschaft per Telefon.

 

Bei Familie Al Akel fehlt eine der beiden Mütter. Sie fehlt sehr. Letzte Woche verhandelte der Oberste Gerichtshof die Weigerung Israels, Partnern von Palästinensern in den besetzten Gebieten den Status "Permanent Resident" zu gewähren. Schon sieben Jahre lang. Am Anfang der Intifada beschloss Israel, entsprechende Anträge nicht mehr zu bearbeiten, einfach so, willkürlich und umfassend. Schätzungen zufolge leben in den besetzten Gebieten etwa 50 000 Menschen, Frauen, Männer, Kinder, ohne Papiere und ohne Genehmigung. In zwei Monaten wird der Staat dem Obersten Gerichtshof diese seine Politik erklären müssen.

 

Für Miada Al Akel wird das wohl zu spät sein. Ihre Eltern kommen aus diesem Land, sie ist in Jordanien geboren, hat dann mit einem Hiesigen geheiratet, mit Jihad. Er ist ein Cousin, beide stammen aus dem selben Dorf. Sie hat seit über zehn Jahren hier gelebt, in denen sie ihre sechs Kinder groß zog. Jetzt darf sie nicht mehr nach Hause zurück, auch nicht zu Besuch. Am Telefon droht sie ihrem Mann mit Selbstmord. Sie hält die Trennung von ihren Kindern nicht mehr aus.

 

Auf Anweisung von Israel zerbrechen Familien: In der Akten des Mitarbeiters von "B'tselem" 1 im Gebiet von Hebron Moussa Abu Hashhash häufen sich ähnliche Fälle, die ein böses Ende nahmen. Hier zum Beispiel die Geschichte der Nachbarn der Al Akels in Beit Awla: Der Lehrer Mohammed Al Amla heiratete in den 90er Jahren seine Cousine, die es im Jahr 2002 wagte, ihre Familie in Jordanien zu besuchen. Seitdem darf sie nicht mehr zurück. Vier mutterlose Kinder. Nach fünf Jahren erzwungener Trennung gab Mohammed auf und heiratete eine andere Frau. Amals Eltern zwangen ihre Tochter  vor drei Monaten, in Jordanien einen anderen Mann zu heiraten. Die Besatzung zerbricht Familien.

 

Der Lehrer Al Amla konnte sich einen längeren Kampf um die Rückkehr seiner Frau nicht leisten. Der Unternehmer Jihad Al Akel schon eher, er spart nicht beim Engagieren von Rechtsanwälten und "Machern", um seine Madia nach Hause zu holen. "Wo ist die Mama?", "Warum ist sie nicht hier?", fragen ihre Kinder. Es gibt keine Antwort. Versuchen Sie mal, der zweijährigen Kinaz zu erklären, dass Israel ihrer Mutter verbietet, bei ihr in der besetzten Westbank zu sein.

 

Wir trafen ihn zum ersten Mal in seinem Büro in einem Hochhaus im Herzen von Hebron. Es ist neben Ramallah die lebendigste Stadt in der Westbank. Während zu den Succot-Feiertagen Massen von Siedlern in den von Israel besetzten Teil der Stadt strömen, spielt sich das Leben im palästinensischen Teil der geteilten Stadt wie gewöhnlich ab, als gäbe es keine Besatzung. Luxus-Autos, moderne Läden, High-Tech-Bürogebäude, in Hebron ist in den letzten Jahren Gutes passiert.

 

Silberring, spitze Schuhe, gepflegtes Bärtchen, ein moderner Isuzu-Jeep und ein Mirs Mobiltelefon. Jihad zückt eine Visitenkarte auf Hebräisch: "Al Akel – Co., Bauunternehmen, Baustoffhandel, Subunternehmen, Gen.Dir.: Jihad Al Akel". Der Isuzu hat israelische Nummernschilder, er spricht fließend Hebräisch, hat eine Einreisegenehmigung nach Israel. Jihad baut gerade in Gedera und Modi'in 2 . Al Akel baut Israel auf, gemeinsam mit den Firmen Tizhar und Maoz Daniel. Bilder seiner Baustellen in Israel hängen an der Wand. Auch in Petah Tikva hat er gerade "5000 qm Marmor-Verkleidung". Er sagt von sich: "Als Bauunternehmer bin ich an der Spitze".

 

Heute ist er 44 Jahre alt. 1995 hat er  seine Cousine Miada aus Jordanien geheiratet. Es ist seine zweite Frau, heute 35 Jahre alt. Die Hochzeit fand in Jordanien statt. Miadas Vater, sein Onkel, bestand darauf, als Ausgleich dafür, dass seine Tochter Zweitfrau ist. Gleich danach kam das frisch gebackene Paar nach Beit Awla, wo ihr der Mann ein zweites Stockwerk baute. Die Kinder wurden eins nach dem anderen geboren. Munthasar ist schon 11, Aysar 10, Muhammad 8, Mustafa 7, Narwan 4 und Kinaz zwei Jahre alt. ("Wie findet ihr den Namen?" fragt Jihad.) Alles Halbgeschwister der zwölf Kinder der ersten Frau, wohnhaft ein Stockwerk höher.


Nach einem Jahr fuhr das junge Paar nach Jordanien, um die Eltern zu besuchen, und kehrte nach drei Monaten nach Beit Awla zurück; damals war das noch möglich. Als die zweite Intifada ausbrach, wurde alles anders. Sechs Jahre lang wagte Miada nicht, ihre Eltern in Jordanien zu besuchen, weil sie fürchtete, nicht zurück gelassen zu werden. Ihre Besuchserlaubnis war abgelaufen und Israel stellte keine neuen aus.

 

Letztes Jahr im Dezember wurde Miadas Mutter in Jordanien krank. Es half nicht mehr, dass der Ehemann seiner Frau verboten hatte, zu fahren: Miada sagte ihm, sie wolle ihre Mutter besuchen, egal was passiert.  

Am 17.Dezember lief Miada von zu Hause weg, ließ sechs Kinder zurück, darunter ein damals einjähriges. Wie in einer Fernsehserie fuhr er ihr noch bis nach Bethlehem hinterher. Es war schon zu spät. Miada war schon weg. Als er merkte, dass sie auf dem Weg nach Jordanien war, setzte er alle seine Verbindungen zur Autonomiebehörde in Bewegung. Dann merkte er, dass sie schon auf der Allenby-Brücke steht. Ein Bekannter, Polizist der palästinensischen Autonomiebehörde, hielt Miada fest. Jihad sprach mit ihr am Telefon, und nach seinen Worten sagte sie zu ihm: "Wenn Du mich nicht fahren lässt, werfe ich mich unter einen Autobus."  Auch sie hat nur eine (kranke) Mutter.

 

Jihad bat seinen Bekannten, seine Frau festzunehmen. "Sie hat hier kleine Kinder", erklärte er. Der Polizist meinte dazu, er könne sie nicht festhalten. Miada am Telefon von der Allenby-Brücke zu ihrem Mann: "Wenn Du mich liebst, wenn Du mich respektierst, lass mich einen Monat lang bei meinen Eltern bleiben; dann komme ich zurück."  Jihad lacht bitter. "Sie dachte, sie kann raus gehen und zurück kommen. Sie ist eine Frau. Eine Hausfrau. Eine Frau, die Essen kocht, sie macht keine Politik."

 

Als sie über die Brücke war, rief sie an: "Gottseidank, ich bin rüber gekommen." Jihad gibt ihre Worte auf Hebräisch wieder. Sofort rief Jihad bei ihrem Vater an, seinem Onkel, erzählte ihm, dass seine Tochter von zu Hause weggelaufen und auf dem Weg zu ihnen wäre. Waren Sie wütend? "Natürlich war ich wütend. Sehr wütend."

 

Nach einem Monat Sehnsucht nach Mann und Kindern reif Miada an und sagte: "Wenn Du mich nicht nach Hause holst, – bring' ich mich um." Jihad fuhr nach Jordanien, seine Frau besuchen und versuchte, ihr eine Rückkehrerlaubnis zu besorgen. Um sie zu beruhigen und von Selbstmordgedanken abzulenken, behauptete er, er habe das Visum schon in der Tasche. Sie bat, er solle die Genehmigung per Fax schicken; er meinte, er käme persönlich.

 

Zwei Monate verbrachten sie gemeinsam in Jordanien, wandten sich an die israelische Botschaft dort mit der Bitte um ein Touristenvisum. Gleichzeitig wandte er sich an die Zivilverwaltung in Beit El3 mit der Bitte um Familienzusammenführung. Jihad hat schon drei israelische Rechtsanwälte mit der Bearbeitung dieses Vorgangs betraut. Es kam nichts dabei heraus. In den jordanischen Pass seiner Frau, den Jihad bei sich hat, wurde nur die Bestätigung für das Einreichen des Antrags gestempelt. Er hat auch eine Quittung für die Antragstellung von der Zivilverwaltung4. 

 

Zwei Monate später eröffnete Jihad seiner Frau, er müsse nach Hause zurück, zur ersten Frau, zu den Kindern, und natürlich auch zum Geschäft. Um wenigstens die Sache mit dem Touristenvisum weiter zu bringen, kaufte er seiner Frau ein Haus in Jordanien und eröffnete ihr dort ein Bankkonto. Es half nichts. Miada verzweifelte. "Alles ist Bluff hier", sagte sie ihm am Abend vor der Abfahrt. "Alles Chaos. Wenn Du es nicht schaffst, mich zu meinen Kindern zurück zu bringen, hau' ich ab, verschwinde, Dir, meinen Eltern, meinen Kindern."

Jihad berichtet, seine Frau habe zwanzig Kilo zugenommen, wegen der seelischen Krise. Sie war auch für einige Tage im Krankenhaus in Amman. "Ich kann ohne die Kinder nicht leben. Ich weiß, dass ich selber schuld bin, aber ich bring' mich um. Ich kann ohne meinen Mann und meine Kinder nicht leben." Im August hat Jihad sie nochmal in Jordanien besucht. Ihre seelische Lage wird schlimmer. Von der israelischen Botschaft erhielt er die Nachricht, seine Frau könne die [bestzten] Gebiete nicht besuchen, da sie mit einem Palästinenser verheiratet sei. Habt ihr das verstanden?

 

Der Sprecher der Zivilverwaltung diese Woche auf unsere Anfrage: "Nach den bei uns vorliegenden Informationen hält sich Miada Al Akel seit Ende 1996 illgal in Judäa und Samaria auf. Ihre damalige Einreise in dieses Gebiet für den begrenzten Zeitraum von drei Monaten wurde ihr durch eine Besuchserlaubnis, begründet durch das Versterben eines Familienangehörigen, ermöglicht. Da sich Al Akel schon seit über zehn Jahren illegal in der Gegend aufhält, können wir die Glaubwürdigkeit der erwähnten Einzelheiten nicht bestätigen. Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass bei der Zivilverwaltung keinerlei ihre Einbürgerung betreffende Anträge vorliegen." 

 

Miada am Telefon: Sie will, dass Jihad  nochmal kommt. Jihad verspricht ihr, dass im Rahmen der Gespräche zwischen Ehud Olmert und Abu Mazen auch für ihr Problem eine Lösung gefunden werden wird. "Dein Name ist auf der Liste", versucht er sie zu beruhigen. "Ich habe gelogen, wie es aussieht", sagt er. "Was bleibt mir anderes übrig?  Was soll ich ihr sagen? Ich habe noch einen Rechtsanwalt genommen. In so einer Zwangslage ergreift man jede Möglichkeit." Letzte Woche hat er bei der Zivilverwaltung in Beit El noch einen Antrag getellt. Auch ein Gutachten über die schwierige Situation der Kinder hat er beigefügt.

 

"Ich bete zu Gott, dass wir wenigstens eine Besuchserlaubnis bekommen. Ich stehe mit den Israelis auf gutem Fuss. Ich bin wie einer von ihnen. Warum tun sie mir das an? Sie kennen mich doch gut. Verstehen Sie mich? Die kennen mich gut. Ich bin bekannt beim Shabak. Ich bin dort was wert. Anstatt dass sie mir helfen, behandeln sie mich so? Ich habe nie irgendwelche Probleme gemacht.

 

"Gestern nach dem Fastenbrechen sagt mir die vierjährige Narwan: Mein Bruder hat gesagt, die Mama ist schon unterwegs. Ich bin aus dem Zimmer und habe geheult. " 

 

1 B'Tselem: Menschenrechtsorganisation www.btselem.org

2 Siedlung in den besetzten Gebieten, völkerrechtlich illegal (siehe Genfer Konvention).

3 Siedlung in den besetzten Gebieten, völkerrechtlich illegal (siehe Genfer Konvention)mit Armeebasis.

4 Militärbehörde der isr.Armee zur Verwaltung ziviler Angelegenheit der besetzten Bevölkerung.

                                                                                                         

(dt.WeichenhanMer)

 

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